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08.04.2008

96-Heimspiele als Hörgenuss

Moderatoren-Service für Blinde und Sehbehinderte in der AWD-Arena.

Ein Fußballspiel erleben ohne visuelle Eindrücke? Geht das überhaupt? Ja, sogar außergewöhnlich gut, wie zahlreiche sehbehinderte 96-Fans Heimspiel für Heimspiel erleben. Für sie ist Fußball in der AWD-Arena purer Hörgenuss!

 

 

Emotionen pur
Die Stimmung in der AWD-Arena kocht, die Fans schreien und brüllen, rhythmisches Klatschen treibt das Team von Dieter Hecking nach vorne und ein lang gezogenes „H a n n o v e r; H a n n o v e r“ schallt durch das Stadion – pure Emotionsschübe für die besondere Fangruppierung in Block O8. Diese Stimmung, diese Lautstärke ist für ein knappes Dutzend Fans der wichtigste Kontakt zum Spiel der Roten. Während die meisten Anhänger im Stadion das Spielgeschehen auf dem Rasen gebannt verfolgen und den Ball nicht mehr aus den Augen lassen, schalten zehn Fans auf der Osttribüne ihr gut geschultes Gehör ein. Denn sie können das Spiel nicht sehen – zumindest nicht über visuelle Reize. Sie spüren und hören Fußball. Es handelt sich dabei um sehbehinderte oder gänzlich blinde Fans. Verfolgen können diese 96er die Partie trotzdem - über Infrarot-Kopfhörer und dank einer speziellen Reportage.

Das „geistige Auge“ fiebert mit
Auf Initiative des Vereins „Sehhunde e.V“ gibt es inzwischen in fast allen Stadien der Bundesliga spezielle Sitzplätze für Blinde und Sehbehinderte – so bereits seit 2005 auch in der AWD-Arena. Woche für Woche wird den beeinträchtigten Fußballfans seitdem ein Live-Kommentar von besonders geschulten Kommentatoren angeboten – per Funk über Einzelempfänger mit Kopfhörern. Die Livereporter sitzen inmitten der Sehbehinderten und bieten diesen 90 Minuten lang detaillierte Erklärungen zum Spielgeschehen. So können auch blinde Fans das Spiel der Roten vor ihrem «geistigen Auge» sehen und gleichzeitig den echte Live-Atmosphäre genießen. Hannover 96 stellt die komplette technische Ausrüstung für diesen Service zur Verfügung, den abgesehen von Werder Bremen und dem Karlsruher SC inzwischen alle Bundesligavereine anbieten.

Besondere Herausforderung
Beim Heimspiel der Roten gegen den VfB Stuttgart hatten die Journalistik-Studenten Tobias Fricke und Iris Barthel die Moderation  übernommen. Das Duo trägt zu diesem Zweck ein dünnes Mikrophon am Kopf. Ein Sender funkt die Reportage an die Kopfhörer der Sehbehinderten. Vor dem jeweiligen Spiel bereiten sich die Reporter ausführlich auf Ihre diffizile Aufgabe vor. „Wir benötigen Informationen über die Vereine, die einzelnen Spieler, Trainer, das Schiedsrichtergespann, die bisherigen Spiele sowie die Statistiken, um ausreichende Zusatzinformationen zu haben“, beschreibt der in Peine wohnende Tobias Fricke den außergewöhnlichen Job. „Unsere Reportage ist anders als im Radio. Wir müssen nicht nur das Spiel kommentieren, sondern auch das beschreiben, was in der Arena passiert. Wichtig ist vor allem zu beschreiben, wo das Spiel auf dem Platz stattfindet“, ergänzt die aus Köln stammende Iris Barthel (Foto oben). „Wir müssen uns aber gleichzeitig dennoch sehr am Ball orientieren, damit die Sehbehinderten die Publikumsreaktionen auch in Echtzeit verstehen“, erklärt sie die besondere Herausforderung.  Andererseits sei auch irreführend, zu sehr am Ball zu kleben. Denn nicht für jedes Raunen findet sich der Grund auf dem Rasen: „Und da haben wir einen neuen Stand beim Spiel Cottbus gegen die Hertha. Dort steht es 2:1 für die Lausitzer“, nennt die 21-jährige einen Zwischenstand auf der Videowand der Arena.

„Grundverschieden zum Radiokommentar“
Für Tobias Fricke ist es bereits die dritte Saison als Blinden-Moderator bei Hannover 96. Zu der spannenden Aufgabe kam er über ein Journalistik-Projekt an Hochschule Magdeburg-Stendal (FH). „Unsere Aufgabe ist grundverschieden zum Radiokommentar“, räumt auch er mit einem Vorurteil auf. „Wir müssen das Element der Vorstellungskraft bedienen. Wenn man selbst einmal die Augen in der Arena schließt, kann man sich vorstellen, wie es ist, nichts zu sehen, aber beim Spiel alles nur zu fühlen und zu hören. Da wir sehr viele Informationen übermitteln, merkt man manchmal schon nach fünfundzwanzig Minuten, dass die Stimme zu schwächeln beginnt.“ Daher wechselt in Hannover bei Halbzeit immer der Kommentator. Zum Team der ehrenamtlichen Sprecher, die alle von der Hochschule Magdeburg-Stendal gestellt werden, gehören zudem noch Max Sorst und Benjamin Widmayer.

Sehbehinderte begeistert
In der Reihe hinter den Moderatoren sitzen bei fast allen Heimspielen der Roten Brigitte (63) und Frank (46, beide oben im Bild). Sie finden den Service in der AWD-Arena sehr gut. „Durch die Moderatoren kann man das Spiel sehr gut verfolgen und kann das Publikum ganz anders als im Fernsehen oder Radio wahrnehmen.“ Nicht alle Fans in diesem Blockabschnitt sind komplett blind. „Im Gewusel des Spiels erkenne ich nur Trikotfarben – und das auch nur mit meinem Fernglas“, erklärt Fan Joachim (43). „Der Kommentar hilft enorm. Ohne ihn würde ich nicht so oft ins Stadion gehen.“

Nachbesprechung zur Optimierung
Wichtig für die Kommentatoren ist nach dem Abpfiff des Spiels die gemeinsame Nachbesprechung mit ihrem Publikum. „Durch das Feedback erhalten wir viele Hinweise zur Optimierung unserer kommenden Kommentare. Unsere Hörer sind sehr gut informiert und fast alles echte Hardcore-Fans“, lautet das Fazit der Rheinländerin Iris Barthel nach stimmlich anstrengenden 45 Minuten am Mikrofon.

Fanclub Sehhunde e.V.
Dieser Fanclub für sehbehinderte Fans wurde von Nina Schweppe und Regina Hillmann vor 15 Jahren in Hamburg gegründet. Schweppe und Hillmann wurden für ihre Arbeit bereits von Bundespräsident Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Der Verein engagiert sich für die Integration blinder und sehbehinderter Fußball-Fans sowie für die Barrierefreiheit in den Stadien.

Trotz der speziellen Sitzplätze mit dem zu empfangenden Spielkommentar ist für blinde und sehbehinderte Fans immer noch eine Begleitperson notwendig. Denn in Menschenmengen sind der weiße Stock oder der Führhund nicht einsetzbar – so brauchen die Betroffenen auf dem Weg zum Stadion und zurück Unterstützung bei der Bewältigung des Weges. Auch die Orientierung im Stadion selbst ist kaum möglich. Deshalb wird auch Hilfe beim Auffinden des Platzes, der Toilette und beim Kauf von Speisen und Getränken benötigt. "Viele Fans und auch einige Vereinsmitarbeiter glauben, Blinde gehen nicht ins Stadion", erklärt Regina Hillmann. "Die denken: Was sollen Blinde beim Fußball? Aber jeder Verein hat Blinde im Stadion - nur weiß man es oft nicht, da die Leute nicht auffallen."  Daher macht sich der Verein dafür stark, dass es bald in der ganzen Bundesliga nicht nur spezielle Plätze für Rollstuhlfahrer und Behinderte, sondern eben auch für Blinde gibt.

Information zu diesem Angebot bei Hannover 96

Anzahl Blindenplätze:         10 Plätze im Block 08 der Osttribüne

Preis der Karten:                12 € incl. Begleitung

Ansprechpartner:                Servicecenter (Tel.: 01805-189600 14 ct/min aus dem deutschen Festnetz; Mobilpreise abweichend)

Bestellmöglichkeiten:         telefonisch, schriftlich, per Fax möglichst im Voraus, da das Angebot leider begrenzt ist.

 

 Mit freundlicher Unterstützung von Heiko Lossie (dpa)

 

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Pl Team Td Pkt
4 Borussia M'gladbach 19 39
5 SV Werder Bremen -1 31
6 Bayer 04 Leverkusen 1 30
7 Hannover 96 -3 27
8 1899 Hoffenheim -2 23
9 VfL Wolfsburg -12 23
10 VfB Stuttgart -2 22
11 Hamburger SV -9 22
12 1.FSV Mainz 05 -6 21