Hannover 96 - Hamburger SV 2:2 (1:2)
Jiri Stajner nervenstark! Der "HSV-Schreck" verwandelte in der 88. Minute einen an ihn selbst verursachten Foulelfmeter zum am Ende glücklichen 2:2 (1:2) gegen den Hamburger SV.

Jiri Stajner nervenstark! Der "HSV-Schreck" verwandelte in der 88. Minute einen an ihn selbst verursachten Foulelfmeter zum am Ende glücklichen 2:2 (1:2) gegen den Hamburger SV.
Eine mit 49.000 Zuschauern ausverkaufte AWD-Arena und Gänsehautstimmung schon vor dem Anpfiff – in Hannover war alles angerichtet für ein prickelndes Nordderby. Für den Fußballgourmet wurden die 90 Minuten kein Hochgenuss, für Freunde des Kampfes und der Spannung hingegen schon. 2:2 (1:2) hieß es nach 90 Minuten zwischen Hannover 96 und dem Hamburger SV – einer tollen Moral und Jiri Stajner sei Dank.
Labbadia stellt Offensive um
Vor dem Anpfiff wartete HSV-Coach Bruno Labbadia mit einer faustdicken Überraschung auf. Während Trainerkollege Andreas Bergmann seiner Startelf vom Köln-Sieg vertraute, krempelte Labbadia seine Formation personell kräftig um: Im gewohnten 4-2-2-2-System schenkte der einstige Bundesligatorjäger dem eher unbekannten Tunay Torun den Vorzug vor Millioneneinkauf Marcus Berg. An Toruns Seite stellte Labbadia anstelle des erwarteten Jonathan Pitroipa den wieselflinken Flügelspieler Eljero Elia. Piotr Trochowski und Marcell Jansen sollten auf den Außenbahnen für Betrieb sorgen. Neben diesen Personalien bot das Nordderby allerdings wenig bis gar nichts Überraschendes.
Alle zehn Minuten ein Highlight
Die Hamburger, die am Donnerstag noch in der Europa League gegen Celtic Glasgow im Einsatz gewesen waren, bemühten sich schnell um Spielkontrolle, während die Elf von 96-Coach Andi Bergmann zunächst damit beschäftigt war, den HSV bloß nicht zur Entfaltung kommen zu lassen; der Respekt vor den Hanseaten schien greifbar. Alles in allem lassen sich die ersten 45 Minuten wie folgt zusammen fassen: Zirka alle zehn Minuten ereignete sich auf dem Rasen ein richtiger Höhepunkt – und abseits vom grünen Geläuf, auf den Rängen, fand ein zweites Spiel statt. In den ersten Minuten duellierten sich "blaue" und "rote" HSVer noch im Kampf um den höchsten Dezibelwert, Mitte der ersten Hälfte ging dieser Wettkampf dann in einen gemeinsam vorgetragenen HSV-Wechselgesang über. Einzigartig in der Bundesliga!
Kollektives Jubeln nach dem überraschenden Ausgleich
Ya Konan lässt Djakpa fliegen
Die Mannschaften gingen das von den Fans vorgetragene Tempo nicht mit, sie agierten eher kontrolliert – Ereignisse, wie erwähnt, im Zehn-Minuten-Rhythmus: Als Karim Haggui am linken Flügel einen Tick zu spät gegen den pfeilschnellen Elia kam, deutete dieser seine Klasse - noch - nur an. Der Niederländer zog frei aufs Tor zu, zirkelte den Ball jedoch am langen Pfosten vorbei (5.). Besser lief es für die Hanseaten zehn (!) Minuten später. Die beweglichen Jansen und Elia hebelten mit einem Doppelpass die 96-Defensive aus und der ehemalige Gladbacher hatte keine Mühe, den Ball am chancenlosen Robert Enke vorbei ins Tor zu schieben (15.). Das 0:1 aus 96-Sicht war selbstredend nicht gerade förderlich für die Roten, endlich den Respekt abzulegen. Es fehlten die zündenden Ideen aus dem Mittelfeld, was auch daran lag, dass Jan Rosenthal seine Galaform aus dem Köln-Spiel nicht abzurufen vermochte. Doch wie das manchmal eben so läuft, gelang den Roten quasi aus dem Nichts der Ausgleich: Didier Ya Konan flog in eine von Landsmann Constantin Djakpa geschlagene Ecke und beförderte die Kugel in die Maschen (26.)! Als Beobachter hätte man leicht Vorlagengeber und Torschützen verwechseln können, trugen doch beide Ivorer gelbes Schuhwerk, doch die Haltungsnoten des Eckballschützens beim Flic Flac nach dem Treffer ließen keine Zweifel mehr zu: "Djappi" hatte geflankt!
Bitter: Nur wenige Minuten nach seinem vierten Saisontor musste Ya Konan wegen Bauchmuskelproblemen ausgewechselt werden. Für ihn kam Sofian, der später selbst noch ersetzt werden musste (Knieschmerzen). Zwei Highlights gab’s vor dem Halbzeitpfiff von Dr. Jochen Drees noch: Erst spitzelte der junge Torun den Ball freistehend vor Enke an diesem vorbei, nachdem Elia ihn angespielt hatte (33.), dann, ja dann gingen die Hanseaten zum für sie psychologisch günstigen Zeitpunkt kurz vor der Halbzeit in Führung. Eine Freistoßflanke von Piotr Trochowski aus halblinker Position flog über alle 96er hinweg, Eljero Elia war hingegen goldrichtig gelaufen und köpfte den Ball ins Gehäuse der Roten (44.).
Spiel kontrollierende Hanseaten
Die zweiten 45 Minuten begannen so richtig erst mit einer Doppelchance für die Rothosen: Torun entwischte Schulz nach einem Stellungsfehler, zog in den Strafraum, setzte den Ball allerdings an den Pfosten. Puh! Den Nachschuss von Elia - der Abpraller war dem Niederländer quasi vor die Füße gefallen - parierte Enke mit einer ganz starken Parade. Erneut puh (53.)! Die Gäste zeigten in der Folge, warum sie in der Tabelle weit oben stehen. 96 agierte grundsätzlich nicht schlecht, kämpfte vor allen Dingen zu jedem Zeitpunkt, war aber dennoch klar unterlegen gegen die konzentriert und kontrolliert agierende Spitzenmannschaft aus Hamburg. Wie schon in der ersten Hälfte gelang es den Roten nicht, Torgelegenheiten aus dem Spiel heraus zu kreieren, es mangelte an Durchschlagskraft. So blieb die Partie zwar jederzeit spannend, nicht aber hochklassig; die Zweikämpfe prägten zunehmend die Begegnung. Ein Zweikampf war es auch, der "Kocka" Rausch zum Verhängnis wurde: Der 96-Youngster musste nach einem heftigen Schlag auf die Wade ausgewechselt werden.
Eine der rar gesäten 96-Chancen aus dem Spiel heraus leitete der eingewechselte Valdet Rama ein, als er vom linken Flügel ins Zentrum zog. Allerdings wurde er stark bedrängt, sodass er selbst nicht abschließen konnte. Rama legte quer zu Cherundolo, dessen strammer Schuss nur knapp am langen Pfosten vorbei flog (71.). Die besseren Chancen hatten aber die Gäste, beispielsweise als der ansonsten unauffällige Zé Roberto frei vor Enke auftauchte, dieser zum Glück für die Roten aber parieren konnte (77.). Bei dieser Szene stellte sich einmal mehr die Frage, warum Joachim Löw ihn nicht für die Nationalmannschaft nominiert hat.
"Stajni" schnappt sich den Ball - und versenkt ihn.
Aufregende Schlussminuten
Das Spiel blieb weiter offen, und die überlegenen, aber keineswegs in Bestform spielenden Hamburger durften sich nicht beschweren, dass es noch zu einer nervenaufreibenden Schlussphase kam. Eingeleitet wurde diese standesgemäß mit einem echten Aufreger, als "Rosi" im/am gegnerischen Strafraum zu Fall kam (83.); Schiri Drees ließ weiterspielen. Kurz darauf die nächste umstrittene Entscheidung, die der Unparteiische dieses Mal jedoch zu Gunsten der Roten fällte: Der eingewechselte Rincón hatte "Stajni" im Strafraum den Weg versperrt, Drees zeigte auf den Punkt. Der Gefoulte trat nach einigem Palaver und Psychospielchen selbst an und versenkte den Elfer eiskalt oben rechts (88.)! Beim 2:2 blieb es. Nichts hatte im Verlauf der zweiten Hälfte für die Roten gesprochen; die Spielanteile und Chancen betrachtet, hätte Hamburg als Sieger vom Platz gehen müssen, doch durch die kämpferische Attitüde hatten sich die Roten diesen Punkt auch irgendwie verdient…
ub
STATISTIK
Hannover 96: Enke - Cherundolo, Haggui, Schulz, Rausch (68. Rama) - Balitsch - Pinto, Rosenthal, Djakpa - Stajner, Ya Konan (36. Sofian / 77. Ernst)
Hamburger SV: Rost - Boateng (63. Rincón), Rozehnal, Mathijsen, Aogo - Jarolim, Zé Roberto - Trochowski, Jansen - Torun (71. Berg), Elia
Tore: 0:1 Marcell Jansen (15.), 1:1 Didier Ya Konan (26.), 1:2 Eljero Elia (44.), 2:2 Jiri Stajner (88., Foulelfmeter)
Gelbe Karten: Hanno Balitsch (3.), Constant Djakpa (4.), Christian Schulz (2.) / Marcus Berg, Eljero Elia (2.), David Rozehnal, Tunay Torun, Piotr Trochowski (2.)
Schiedsrichter: Dr. Jochen Drees (Mainz), Assistenten: Torsten Bauer, Markus Wingenbach
Zuschauer: 49.000 (ausverkauft)
Fotos: deisterpics