Profis

96 - der etwas andere Aufsteiger

Damit hatten viele nicht gerechnet: Hannover 96 schaffte 2017/2018 nicht nur den Klassenerhalt, die Mannschaft geriet auch in keiner Saisonphase in Abstiegsgefahr. Nicht nur deshalb spielten die Roten die Rolle als der etwas andere Aufsteiger überzeugend.

Fans trauten 96 nicht viel zu
Man darf ruhig noch einmal daran erinnern: Das Fachmagazin "kicker" hatte vor der Saison seine Leser in einer großen Umfrage gefragt, wer denn diesmal direkt absteigen würde. Mehr als 80 000 Fußballfans beteiligten sich an dem Prognosespielchen - und irrten sich gewaltig. 39 Prozent von ihnen glaubten, dass es 96 gleich im ersten Jahr nach dem Aufstieg wieder erwischen und zurück in die 2. Liga befördern würde. Weniger trauten sie nur dem FC Augsburg (an dessen Abstieg glaubten sogar 54 Prozent) zu.

Mut und Können
Wir haben nicht, wie einige Experten meinten, wie der klassische Aufsteiger gespielt", sagt 96-Trainer André Breitenreiter. "Wir haben einen anderen Weg versucht." Und diesen konsequent und erfolgreich beschritten. Bereits im ersten Saisonspiel in Mainz staunten die Zuschauer: 96 eröffnete das Spiel nicht mit einem langen Abstoß nach vorne, sondern baute spielerisch von hinten über die Außenpositionen auf. Das erfordert nicht nur Können, sondern auch Selbstvertrauen und eine Portion Mut, weil dabei natürlich schneller Fehler passieren können als beim langen Ball. Breitenreiter vermittelte seiner Mannschaft diesen Mut zur spielerischen Lösung, unabhängig, ob der Gegner nun Mainz oder München hieß.

96-Trainer André Breitenreiter: "Wir haben einen anderen Weg versucht."

Torhungrig und variabel
"Wir haben die meisten Tore durch vertikales Positionsspiel und über Flügelspiel in die Spitze erzielt - und nicht durch Umschalten oder Konter", sagt Breitenreiter. "Wir waren variabel und hatten neun unterschiedliche Grundordnungen." Doch 96 erzielte Tore nicht nur auf die spielerische Art und - der zweiten großen Stärke - dank einstudierter Standards, die Roten erzielten in der abgelaufenen Saison auch untypisch viele Treffer für einen Aufsteiger. Auch in dieser Hinsicht waren sie eben etwas anders...

44 Treffer - eine starke Marke
Klammert man das Team von RB Leipzig einmal aus, das 2016/2017 als Aufsteiger zur Vizemeisterschaft stürmte und dabei 66 Tore erzielte, dann traf in den vergangenen fünf Spielzeiten kein Neuling öfter als die Breitenreiter-Elf. 44-mal schlug die Mannschaft zu, mehr als der besser platzierte VfB Stuttgart (36 Tore) und die anderen Aufsteiger der vergangenen Jahre: SC Freiburg (42 Tore), FC Ingolstadt (33), Darmstadt 98 (38), 1. FC Köln (34), SC Paderborn (31), Hertha BSC (40) und Eintracht Braunschweig (29) blieben alle unter der hannoverschen Tormarke.

Erfolgreich gegen Topteams
Alles andere als "typisch Aufsteiger" ist auch ein anderer, kaum bemerkter Fakt: Nimmt man die Hin- und Rückspiele der Liga und macht daraus einen Europacupwettbewerb, dann hätte sich 96 gegen drei der vier Klubs, die sich am Saisonende für die Champions League beziehungsweise die Qualifikationsrunde qualifiziert haben, durchgesetzt: Schalke, Hoffenheim und Dortmund wären nach Europacupregeln gegen 96 ausgeschieden, nur der FC Bayern hätte sich durchgesetzt.

Erfreuliche Nebenwirkungen
In der kommenden Spielzeit wird 96 kein Aufsteiger mehr sein, die Nebenwirkungen des etwas anderen Aufsteigerlebens sind aber noch zu spüren - im angenehmen Sinne. Trainer Breitenreiter erfährt genau wie Manager Horst Heldt, dass sich die attraktive Spielweise der Mannschaft bei den Profis anderer Klubs herumgesprochen hat. "Spieler interessiert, was wir mit ihnen bei 96 vorhaben", sagt Breitenreiter. "Und sie haben richtig Lust bei uns zu spielen, weil sie gesehen haben, dass wir von hinten heraus kombinieren, variabel sind und über einstudierte Abläufe unsere Tore erzielen." Starke Argumente eines etwas anderen Aufsteigers.
hr