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Hendrik Weydandt: Ein kleines, großes Fußballmärchen

Ein Märchen zu schreiben ist normalerweise eine Sache von Wochen, Monaten, manchmal auch Jahren. Fußballmärchen gehen schneller, 96-Stürmer Hendrik Weydandt  schrieb seine märchenhafte Fußballgeschichte im Bremer Weserstadion in 75 Sekunden.

Breitenreiter vertraut - und das Märchen geht weiter
Als Takuma Asano, der unglaublich viel gelaufen war, langsam müde wurde im hannoverschen Angriff, musste 96-Trainer André Breitenreiter nicht lange überlegen. 75 Minuten waren gespielt, es stand 0:0 zwischen Werder Bremen und Hannover 96, und Breitenreiter entschied sich für einen mutigen Wechsel: Stürmer Asano raus, Stürmer Weydandt rein. "Dass wir Henne in dieser Situation einwechseln, zeigt auch, welches Vertrauen wir in ihn haben", sagte Breitenreiter nach dem Spiel. Am vergangenen Wochenende, beim 6:0-Sieg im Pokalspiel unserer Roten in Karlsruhe, hatte Weydandt nach seiner Einwechselung zweimal getroffen. In Bremen stand er 75 Sekunden auf dem Platz, und fertig war das nächste Kapitel des Märchens, das den Titel "Hennes Traum - von der Kreisliga in die Bundesliga" haben könnte.

Ein Märchen geht weiter: "Henne" wird eingewechselt...
...und nur wenige Augenblicke später freut er sich über seinen Treffer.

"Er ist sehr reflektiert und geerdet"
"Henne", so nennen seine Mitspieler Hendrik Weydandt. Dieser "Henne" also schnappte sich den Ball nach einem Pass von Ihlas Bebou und lief auf das Werder-Tor zu. Einen kurzen Moment schien er zu überlegen, ob er vielleicht im Abseits gestanden hatte (was nicht der Fall war), dann blieb er ruhig und cool und überwand Bremens Torwart Jiri Pavelenka. Erstes Bundesligaspiel – erstes Tor. Dass der 23-Jährige anschließend noch nicht mit den Medien reden wollte, konnte sein Trainer verstehen. "Die Tore sprechen ohnehin für sich", sagt Breitenreiter: "Natürlich ist die Geschichte von Henne ein Märchen, aber man darf nicht vergessen, dass er sich das alles hart erarbeitet und verdient hat, seit er bei uns ist. Wahrscheinlich denkt er auch, dass er sich mal kneifen müsste, bei allem was gerade passiert. Aber er ist sehr reflektiert, sehr geerdet."

"Geschichten, die der Fußball schreibt"
Breitenreiter spricht von einer "Wahnsinns-Geschichte", 96-Kapitän Waldemar Anton von "Geschichten, die der Fußball schreibt": Bis 2014 kickte Weydandt in der Kreisliga Hannover-Land für den TSV Groß Munzel, bevor er zu Germania Egestorf/Langreder wechselte. Dort traf er in der Oberliga und zuletzt der Regionalliga zuverlässig, zu dieser Saison holte ihn Michael Tarnat für die U23 von 96. Doch Breitenreiter, der sich auch in der Regionalliga bestens auskennt, wollte "mal schauen, ob er auch bei uns seine Torjäger-Qualitäten zeigen kann".

Jubel und ungläubige Blicke: Alle freuen sich über "Hennes" Treffer - und manch einer muss sich wohl noch einmal kneifen.

Das gelang Weydandt eindrucksvoll. "Er war die ganze Vorbereitung dabei. Er hat immer gut zugehört, hat Gas gegeben und getroffen", sagt 96-Manager Horst Heldt.
 
Der Profivertrag ist ausgearbeitet
"Wir freuen uns alle extrem für ihn", sagt Waldemar Anton. Beeindruckend wie seine Leistungen ist auch die Art und Weise, wie Student Weydandt mit der Situation, die er sich nicht in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können, umgeht. "Er ist noch jung, aber bringt alle Facetten mit, die ein zentraler Stürmer braucht. Er ist schnell, er ist groß, er ist kopfballstark", sagt Horst Heldt. "Das wichtigste in der momentanen Situation ist, dass er und seine Familie sehr bodenständig sind." Heldt hat für Weydandt einen Profivertrag ausgearbeitet, die Unterschrift folgt demnächst. Und damit das nächste Kapitel dieses kleinen, großen Fußballmärchens.
hr