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Philipp Tschauner im Interview: Über 96 gegen St. Pauli, die Champions League und Kontakt zu Linton Maina

Philipp Tschauner war eine der prägenden 96-Figuren beim Aufstieg in die Bundesliga 2017 – nicht zuletzt wegen seiner emotionalen Rede vor dem entscheidenden Spiel beim SV Sandhausen. Vor seiner Zeit bei den Roten (2015-2019) hütete er das Tor unseres kommenden Gegners FC St. Pauli. Vor einem Jahr zog es ihn zu RB Leipzig, dort ist er Ersatzmann von Peter Gulácsi und schnuppert Champions-League-Luft. Welche "Gänsehautmomente" er erlebt hat, was er über St. Pauli-Coach Timo Schultz erzählt, wie er das Duell seiner beiden Ex-Klubs einschätzt und warum er Kontakt zu Linton Maina hatte - das alles lest Ihr hier im großen Interview.

Tschauni, Du hast Deinen Vertrag bei RB Leipzig jüngst um ein weiteres Jahr bis Juni 2022 verlängert, warst im August vergangenen Jahres beim Champions-League-Finalturnier in Lissabon dabei und standest auch in der Liga ein paar Mal im Kader. Hast Du denn bei alledem auch noch Zeit, um ab und zu mal die 2. Liga zu schauen?

Philipp Tschauner (35):
Ja, das mache ich tatsächlich schon noch regelmäßig. Aus mehreren Gründen: Natürlich habe ich meine Ex-Vereine, die ich auch immer irgendwie verfolgen möchte, Hannover, St. Pauli und auch Nürnberg. Und außerdem kenne ich noch ein paar Leute, die in der 2. Liga bei verschiedenen Vereinen spielen. Deswegen verfolge ich das schon noch am Wochenende. Es ist natürlich in der aktuellen Zeit auch immer schwierig, ein ruhige Eindreiviertelstunde zu finden, wenn daheim Action und Halligalli ist, aber ich versuche, mir schon immer mindestens die Zusammenfassung anzuschauen, damit ich weiß, was los ist.

Dann lass' uns natürlich einmal auf 96 schauen. Wir sind aktuell etwas im Aufwind. Hättest Du damit gerechnet, nachdem es zwischendurch mal holperte?

Tschauner:
Gewundert würde ich jetzt nicht direkt sagen. Ich glaube schon, dass für 96 aufgrund der Zusammenstellung der Mannschaft die Möglichkeit besteht, so ein Tal zu meistern, und dann auch wieder in eine gewisse Euphorie reinzukommen. Das Gute ist ja: In der 2. Liga kann es sehr schnell gehen, dass man einfach mal eine Serie startet.

Du hattest in der Saison 2016/17 die "Weiße Weste" in der Liga, hast die meisten Spiele zu null gespielt.

Tschauner:
Auf den Pokal schaue ich tatsächlich gerade, während wir mit einander telefonieren (lacht). Der steht im Schlafzimmer auf einer Kommode. Da stehen zwei Pokale, und die sind beide aus meiner 96-Zeit. Ich glaube, wir haben damals sechs Spiele in Folge zu null gespielt.

Von 2015 bis 2019 stand Philipp Tschauner bei 96 unter Vertrag, feierte mit unseren Roten 2017 den Aufstieg in die 1. Liga. (Foto: 96/Kaletta)

Das funktioniert bei uns ja aktuell auch ganz gut, wir haben in der laufenden Saison bisher siebenmal zu Null gespielt, sind damit Ligaspitze. Wie wichtig ist in der 2. Liga genau diese defensive Stabilität?

Tschauner:
Das ist das Allerwichtigste. Gerade wenn wir jetzt von Hannover reden. Wenn du kein Gegentor bekommst, aber mit dieser Qualität im Kader immer für ein eigenes Tor gut bist. Wenn du von der individuellen Qualität her zu den Topteams der Liga gehörst. Das ist in der Liga gerade schon der Schlüssel zum Erfolg: Dem Gegner einfach nichts geben, keine Chancen, keine Möglichkeiten. Ein großer Teil der Vereine hat dann vielleicht nicht die individuelle Qualität, um sich gegen solche Mannschaften durchzusetzen. Ein 1:0 kann da auf alle Fälle reichen.

Das stimmt. Etwas anders gelagert ist es derzeit bei St. Pauli, die aktuell erstmal von ganz hinten versuchen, sich wieder nach oben zu arbeiten.

Tschauner:
Ich glaube, dass St. Pauli ein Team ist, das leider Gottes durch Corona und den damit verbundenen Zuschauerausschluss viel von seiner Power verloren hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel die Fans bei Heimspielen am Millerntor einfach ausmachen, was sie bewirken können. Der Spruch "Die Fans können der 12. Mann sein" ist dort zu tausend Prozent der Fall. Ich glaube, dass St. Pauli das aktuell nun ziemlich stark wehtut.

Wie gut kennst Du Timo Schultz, der seit dem Sommer Cheftrainer bei St. Pauli ist?

Tschauner:
Sehr gut. Damals, als ich zu St. Pauli gekommen bin, ist er gerade in den Trainerstab gewechselt, war dann unser Co-Trainer. Dadurch, dass er die Jahre zuvor aktiver Spieler war, war er natürlich extrem nah an der Mannschaft. Wir hatten damals echt eine tolle Atmosphäre im Team. Timo war schon immer ein sehr akribischer Denker und Lenker, vor allem auch als Co-Trainer. Er hatte eine sehr gute Ansprache an die Spieler, obwohl er damals erst kurz Trainer war. Ich hätte ihm jetzt als Cheftrainer auch einen besseren Start, ein besseres Abschneiden in dieser Saison gewünscht. Ich denke schon, dass er für die Zukunft bei St. Pauli stehen kann.

Wie sieht Deine Verbindung zu 96 aus, zu wem hast Du noch Kontakt?

Tschauner:
Zu Spielern, da sich die Mannschaft ja schon relativ stark verändert hat, kaum noch. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich zu Linton mal Kontakt gehabt. Da hat er mich mit einer Szene aufgezogen, als ich damals in Augsburg mit einem eigenen Abstoß eine Ecke für den Gegner verursacht habe (lacht). Sonst ist da leider nur noch wenig Kontakt da, aber es sind halt einfach auch kaum noch Spieler von damals da. Ich habe aber noch ab zu Kontakt zu "Nase" (Physiotherapeut Steffen Gniesmer, d. Red.) und zu Zeugwart Benni Hauptmann.

Natürlich brauchen wir auch noch eine Einschätzung von Dir: Was erwartest Du für ein Spiel am Samstag?

Tschauner:
Ich denke schon, dass Hannover - rein tabellarisch - in der Situation ist, das Spiel gewinnen zu müssen. Da spielt eine Mannschaft aus dem oberen Drittel gegen einen Verein, der momentan gegen den Abstieg kämpft. Das sind drei Punkte, die 96 holen müsste. Aber genau das ist die Brisanz. St. Pauli hat zuletzt zweimal unentschieden gespielt, sie wollen jetzt aber auch unbedingt wieder einen Dreier einfahren. Deswegen wird es wahrscheinlich schon eher ein Geduldsspiel, vielleicht ein dreckiges 1:0 für einen der beiden Vereine. Ich glaube nicht, dass viele Tore fallen werden.

Du kannst den Leuten also kein Fußball-Feuerwerk in Aussicht stellen?

Tschauner:
Nein, ich denke nicht. Gerade zu der Jahreszeit bei schwierigen Platzverhältnissen ist ein Feuerwerk in der 2. Liga aktuell eh schwer. Auch wenn ich darauf als Zuschauer natürlich mehr Lust hätte (lacht). Es wird darum gehen, kein Gegentor zu bekommen und nicht ins offene Messer zu laufen. Am Ende wird vielleicht die Mannschaft gewinnen, die am geduldigsten ist oder länger besser verteidigt. Ich denke aber, dass sich Hannover am Ende durchsetzen wird. Wahrscheinlich mit einem 1:0. Aber das reicht ja auch.

Kommen wir nun noch einmal zu Dir persönlich. Erzähl' doch mal, wie es sich anfühlt, beim Finalturnier die Champions-League-Hymne zu hören.

Tschauner:
Das war schon ein richtig geiles Gefühl, muss ich sagen, ein Gänsehautmoment. Zu wissen, dass man unter den besten acht Mannschaften in Europa steht - das war schon unfassbar. Das war natürlich eine komplette Ausnahmesituation und besondere Umstände. Dort hinzufahren, sich eine Woche vorzubereiten aufs erste Spiel, dann dieses Spiel auch noch zu gewinnen, länger dort zu bleiben und im Halbfinale zu spielen. Das Gefühl war wirklich, als würde man irgendwie eine Welt- oder Europameisterschaft spielen. Deswegen war es sehr besonders.

Wie war es denn dann, sowas zu erleben, und dann sind keine Zuschauer da?

Tschauner:
Das ist das Bittere an der ganzen Sache. Vor allem wenn man sieht, was wir am Ende auch erreicht haben. Gerade nach dem Sieg gegen Atletico Madrid keine Fans, keine Zuschauer, keine Familienmitglieder, wirklich niemanden mit im Stadion zu haben, war schon ein bisschen traurig. Wobei die Euphorie und die Freude über das, was wir erreicht haben, dort schon größer war. Dieser Modus war besonders, vielleicht auch etwas Einzigartiges.

Im Sommer 2019 hat sich "Tschauni" RB Leipzig angeschlossen. (Foto: Imago/Picture Point LE)

Wenn man sich vorstellt, es wäre immer so, dass man an einem neutralen Ort vor Zuschauern spielt - ich glaube, das würde der Champions League noch mal einen ganz anderen, moderneren Flair geben. Aber ich weiß auch, dass da natürlich sehr viel mehr dranhängt.

Du hast eben das Thema "Gänsehautmomente" angesprochen. Stimmt es, dass Du durchaus auch in Leipzig noch ab und zu Deine - in Hannover sehr geschätzten – Ansprachen vor dem Spiel an die Mannschaft hältst und so intern für "Gänsehautmomente" sorgst?

Tschauner:
Ja, das ist so. Da ich bin ich halt auch einfach schon ein bisschen der Typ dafür. Das ist auch kein Geheimnis, das hat der Trainer schon preisgegeben. Wir haben das die Saison über ein wenig eingeführt, sodass ich da jetzt auch schon des Öfteren meinen Teil dazu beigetragen habe. Ich bin durchweg froh, dass es dafür vom Trainer so ein Kompliment, so ein Lob, gegeben hat. Für mich persönlich ist es natürlich auch schön, weil ich diese Ansprachen auch vor wichtigen Spielen gehalten habe. Und es ist schön, dass ich danach als Feedback bekommen habe, dass ich mehreren Zuhörern diesen "Gänsehautmoment" bereitet habe.

Das wundert uns in Hannover natürlich nicht, wenn wir uns an den Sandhausen-Moment erinnern, für den Du bei 96 immer noch sehr viele Fans hast.

Tschauner:
Ja, ich glaube, das Spiel in Sandhausen, mit allem was dazugehört - das war insgesamt ein einziger langer Gänsehautmoment (lacht).

Bleiben wir mal bei Deinem aktuellen Klub: Unser Kapitän ist in Leipzig ja eine Vereinslegende. Kommt Dir der Name Dominik Kaiser dort ab und zu mal unter? Erzählt mal sich in Leipzig viel von "Domme"?

Tschauner:
Ja, "Domme" ist auf alle Fälle immer noch ein Begriff. Ich glaube, dass er auch die ganz wichtige Zeit in Leipzig geprägt hat. Gerade für den jungen Verein hat er damals eine tragende Rolle gespielt, auch mit dem Aufstieg in die Bundesliga. Wenn man in Leipzig mal auf der Massagebank liegt und mit dem Physiotherapeuten redet oder in der Kabine, in der ich neben Willi Orban sitze, fällt schon mal das eine oder andere Wort über ihn. Mein Torwartkollege Peter Gulasci kennt ihn auch noch. Mit Willi und Pete habe ich auf alle Fälle mehrfach schon über ihn gesprochen.

Von "Domme" sollen wir Dich schön grüßen. Und wir sollen Dich fragen, wie Deine Billard-Bilanz ist?

Tschauner:
Da haben wir viele, viele andere Spieler, die diesen täglichen Wettkampf suchen und führen. Ich habe da leider wirklich noch keine Partie gespielt habe. Deswegen bin ich sozusagen noch ungeschlagen (lacht).

Ihr habt da also einen Tisch im Mannschaftsbereich?

Tschauner:
Genau, der ist auch rege in Betrieb. Aber wenn ich da bin, ist der irgendwie immer besetzt. Dann entspanne ich doch lieber eine Runde, bevor ich mich da anstelle. Aber es gab da schon einige imposante Spiele anzuschauen. Wir haben da unsere Spezialisten, aber ich habe mich noch nicht versucht.

Abgesehen vom Billardtisch: Was ist es, was Dich in Leipzig im Vergleich zu Deinen bisherigen Stationen - und da sind wir dann bei 96 und St. Pauli - infrastrukturell am meisten flasht?

Tschauner:
Im Vergleich ist RB Leipzig einfach ein "Gigantenklub". Es ist ja auch kein Geheimnis, dass Hannover im Vergleich zu St. Pauli schon etwas größer war, weil der Verein zum Beispiel einfach eine erfolgreichere Vergangenheit hatte, mit der Europa League und der langen Erstligazugehörigkeit. St. Pauli war und ist immer dieser spezielle Klub vom Kiez, wo neben dem sportlichen Erfolg auch viele andere Dinge wichtig und besonders sind. Ich habe den Umbau am Millerntor miterlebt, kam dann nach Hannover und da stand eine riesige Arena, die WM-Standort war – mit Top-Trainingsplätzen. Und hier in Leipzig ist alles gefühlt noch mindestens zehnmal so groß. Da kümmern sich viele Mitarbeiter im Staff, um die Voraussetzungen für erfolgreiche Spiele zu schaffen.

Was passiert da rund um die Mannschaft?

Tschauner:
Es gibt verschiedenste Analysen, Untersuchungen, jedes Training wird gefilmt, jedes einzelne Haar an Deinem Körper untersucht, archiviert und aufgenommen (lacht). Kleiner Spaß, aber es ist einfach so ein großer Klub, die Professionalität beeindruckt einen wirklich brutal, wenn man das zum ersten Mal miterlebt. Aber trotzdem hatte natürlich jeder Verein, für den ich bisher gespielt habe, seinen Charme. Ich habe mich überall zu hundert Prozent mit der Philosophie des Vereins, der Stadt und des Umfelds identifizieren konnte. Es war immer genau das, was ich wollte, sonst hätte ich mich für die Vereine auch nicht entschieden.

Wäre es Dein Traum, für Leipzig auch noch mal in einem Pflichtspiel auf dem Platz zu stehen? Vielleicht einfach nur mal ein paar Minuten?

Tschauner:
Ja, das wäre schön.. Ich habe ja jetzt noch ein Jahr länger Zeit. Da hoffe ich schon, dass es irgendwann, irgendwie, irgendwo mal die Möglichkeit gibt, dass ich noch mal ein paar Minuten kriege. Sodass Richtung Karriereende noch mal ein Einsatz für RB in der Statistik steht.

Apropos Karriereende: Bleibt es bei dem Plan, auch nach Deiner aktiven Zeit bei RB Leipzig zu bleiben?

Tschauner:
Ja, das ist weiterhin abgesichert und fixiert worden. Ich werde ab Sommer 2022 erstmal im Nachwuchsleistungszentrum als Torwarttrainer arbeiten und parallel meinen Trainerschein machen. Dieser Weg ist schon geebnet und den werde ich auch sehr gerne beschreiten. Ich freue mich auf die neue Herausforderung.
jb/hec