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Pirmin Schwegler im Australien-Interview: Kängurus, Buschfeuer, Giftspinnen und "tolle Menschen"

Zwei Jahre lang war Pirmin Schwegler im Trikot von Hannover 96 ein Garant für großen Einsatz in jedem Spiel, ehe der beliebte Mittelfeldmann nach dem Ende der abgelaufenen Saison ein Abenteuer in der Ferne wagte. Seither läuft er für die Western Sydney Wanderers in der Australischen A-League auf. Im exklusiven Interview mit hannover96.de gibt er tolle Einblicke in sein erstes halbes Jahr Down Under, spricht über Begegnungen mit Kängurus sowie die anhaltenden Buschfeuer - und verrät, warum Baccus sein neuer "Baka" ist.

Gerade sieht und liest man auch bei uns in Deutschland von Australien in den Medien sehr viel – leider nichts besonders Schönes, weil bei Euch schlimme Buschbrände wüten. Inwiefern bekommst du das in Sydney mit?

Pirmin Schwegler (32): Das ist natürlich hier auch ein großes Thema, obwohl man in der Stadt selber nicht so viel davon mitbekommt. An dem einen oder anderen Tag konnte man das Feuer ein bisschen riechen, es ist nicht viele Kilometer entfernt. Es ist schon heftig für die Australier – für die Tiere besonders und natürlich für die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten. Aber hier in der Stadt kriegt man das nicht jeden Tag hautnah mit.

Pirmin Schwegler hat sich im Sommer den Western Sydney Wanderers angeschlossen.

Was hattest Du erwartet, als Du nach Sydney gewechselt bist, und was davon ist jetzt eingetreten?

Pirmin: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mir da nicht so extrem viele Gedanken zu Erwartungen gemacht habe, weil ich bewusst alles mal auf mich zukommen lassen wollte. Ich hatte natürlich von Australien vieles gehört – man hat so seine Bilder im Kopf. Und tatsächlich ist auch echt vieles schön hier. Wir sind schon total beeindruckt: von der Natur, von den Tieren – und die Menschen sind sehr offen, sehr hilfsbereit.

Wie äußert sich das?

Pirmin: Es kommt oft vor, dass einen jemand anspricht, wenn man mal etwas unbeholfen rumguckt. Dann wird man gefragt, ob alles okay sei, ob man Hilfe brauche. Das kennt man so eher nicht aus Deutschland. Wir haben in den ersten sechs Monaten viele tolle, neue Erfahrungen gemacht. Auch im Sportlichen gibt es viel Neues.

Zum Beispiel?

Pirmin: Die Reisen sind natürlich ganz anders, mit ganz anderen Distanzen. Ich habe in den letzten Wochen viele Meilen gesammelt (lacht). Wir sind da einmal nach Oakland in Neuseeland zum Auswärtsspiel geflogen und kamen zurück und da war zwei Stunden Zeitverschiebung in die eine Richtung. Ein paar Tage später mussten wir nach Perth, das waren drei Stunden in die andere Richtung. Da habe ich schon gemerkt, dass das andere Strapazen sind, aber auf jeder Reise kriegt man extrem viel mit und macht viele neue Erfahrungen.

Und darum geht es ja letztlich auch, oder?

Pirmin: Ja, absolut. Auch. Aber natürlich schon auch ums Sportliche.

Wie lautet dabei Dein erstes Fazit?

Pirmin: Auch da macht man seine Erfahrungen – positiv und negativ. Verglichen mit Deutschland ist alles natürlich im kleineren Rahmen, aber hier wird auch guter Fußball gespielt und sehr körperbetont. Da muss man schon auch auf der Höhe sein. Mir macht es persönlich extrem viel Spaß. Ich kann hier den jungen Spielern vieles mitgeben - die fragen immer, wie der Fußball in Europa sei. Das ist das große Ziel für sie: Europa.

Du spielst auf der Doppelsechs zusammen mit einem 21-jährigen Australier namens Keanu Baccus. Hast Du ihn ein bisschen unter Deine Fittiche genommen?

Pirmin: Ja, Baccus ist quasi der Nachfolger von "Baka" (lacht). Aber im Ernst: Ich habe mich schon etwas um ihn gekümmert, ihm ein bisschen was erklärt – zum Beispiel, wie ich bestimmte Situationen im Spiel löse. Er guckt sich einige Sachen bei mir ab. Und er hat zu mir gesagt, dass es toll sei, dass ich hier bin. Dann habe ich ihm gesagt, dass er jederzeit zu mir kommen könne, wenn er Fragen hat. Es ist bei ihm jetzt auch das erste Angebot aus Europa eingetroffen – das ist natürlich echt auch schön zu sehen. Mal schauen, wie weit es der Junge schafft!

Wie sieht es mit der Trainingsintensität aus? Man hört, die sei insgesamt ein bisschen niedriger ist, als man es vielleicht aus der Bundesliga kennt.

Pirmin: Ja, auf dem Platz niedriger, aber dafür ist das Training am Strand ein bisschen mehr (schmunzelt). Nein es stimmt schon: Es ist eine andere Intensität, aber es wird schon auch hart gearbeitet. Die Umfänge sind weniger. Aber wie gesagt: Wir hatten jetzt auch viel Reisestress die letzten Wochen. Da war ich auch froh, dass das Training etwas schmaler ausgefallen ist. Wir in Deutschland sind schon etwas anderes gewohnt, aber da wird auch extremst viel gemacht, auch im Vergleich zu Ländern wie Spanien oder Italien. Aber eines muss man sagen.

Ja?

Pirmin: Die Vorbereitung war sehr intensiv, da wurde viel Wert aufs Körperliche gelegt. Das ist schon zu vergleichen mit Deutschland - nur geht die Vorbereitung dort nicht ganz so lange. Die dauerte drei Monate. Wir sind gestartet im Juli und ab Oktober hat dann die Saison begonnen. Ein paar Unterschiede sind da, aber am Ende habe ich schon das gefunden, was mich hier hingezogen hat – und mich hier vielleicht noch ein Jahr länger hält.

Ist das denkbar?

Pirmin: Ja. Die Idee war, ein Jahr zu bleiben und dann weiterzuschauen. Vom Verein aus wurde schon signalisiert, dass es weitergehen soll, aber ich möchte die Entscheidung nicht übers Knie brechen. Ich kann es mir tatsächlich vorstellen, aber mal schauen.

Es läuft ja sportlich auch wirklich gut – vor allem zu Beginn der Saison, dann gab es eine kleine Durststrecke und jetzt habt Ihr zuletzt aber wieder häufiger punkten können.

Pirmin: Es ist ein kleines Auf und Ab. Die Spiele sind immer sehr eng, die Liga ist total ausgeglichen. Der FC Sydney, der andere Verein aus der Stadt, ist schon das Maß aller Dinge. Danach ist es von Platz zwei bis elf extrem eng und da kann man quasi bei keinem Spiel wissen, wie es ausgeht. Da hat gefühlt jeder die Chance, in die Playoffs zu kommen. Das gilt auch für uns, es sind noch alle Möglichkeiten da.

Das ist das Saisonziel?

Pirmin: Ja, schon. Die ersten sechs Mannschaften qualifizieren sich, wir sind aktuell Siebter. Insgesamt spielen elf Vereine in der Liga. 26 Spieltage werden ausgetragen. Das ist ein bisschen komisch hier in Australien. Es läuft alles etwas anders: Wir spielen gegen manche Mannschaften zweimal, gegen andere dreimal. Das könnte ich mir in Deutschland nicht ganz vorstellen.

Apropos Deutschland: Du hast Teamgefährten, die man hier sehr gut kennt. Nicolai Müller, der in der letzten Rückrunde auch für 96 aufgelaufen ist, dazu Alex Meier, und Dein Trainer ist Markus Babbel. Ist es Dir wichtig, deutschen Anschluss zu haben? Oder wäre das letztlich auch ohne für dich realisierbar gewesen?

Pirmin: Es wäre definitiv auch ohne gegangen, aber in der einen oder anderen Situation hilft es. Ich bin aber schon manchmal sehr gerne auch mit Australiern zusammen, weil ich das hier auch alles aufsaugen und die Zeit einerseits genießen, aber auch nutzen will. Da muss ich jetzt nicht noch mein Deutsch verbessern - das ist zwar immer noch nicht perfekt nach all den Jahren, aber da will ich dann doch lieber mein Englisch verbessern (schmunzelt). Es ist natürlich schön, dass die Jungs hier sind, aber ich will auch die Kultur und die Sprache hier komplett mitnehmen.

Und hat sich Dein Englisch schon merklich verbessert? Träumst Du zum Beispiel manchmal auf Englisch?

Pirmin: Ja, tatsächlich! Aber das war relativ früh schon so, nach wenigen Wochen. Das ist wohl das Zeichen, dass man angekommen ist. Mein Englisch hat sich vor allem durch den Alltag verbessert. Ich nehme auch Englisch-Stunden, da lernt man dann natürlich auch noch besondere Details, aber im Alltag lernt man am meisten und nimmt extrem viel mit. Deswegen ist es mir schon auch wichtig, viel Englisch zu sprechen und nicht so viel Deutsch.

Sydney liegt am Pazifik. Wie oft geht es an den Strand? Oder ist sogar jeden Tag "Beach-Day"?

Pirmin: Nein, nicht jeden Tag (lacht). Aber mal ist es schön und jetzt nach den letzten Wochen, in denen wir echt viel gereist sind, tut das auch gut. Das ist das Schöne an Sydney: Man hat hier echt alle Möglichkeiten. In wenigen Minuten ist man am Strand, und die Stadt hat auch sonst einfach extrem viel zu bieten. Man kann alles machen: Man hat Kultur, gute Restaurants, tolle Einkaufsmöglichkeiten. Man ist aber auch nah an der Natur, und dann hat man auch noch viele gute Menschen dazu. Eine tolle Mischung. Das hätte ich so auch nicht gedacht.

Warst Du schon in der berühmten Oper von Sydney?

Pirmin: Ja. Ich habe sie nicht nur angeguckt, sondern war auch wirklich drin. Das ist, glaube ich, schon etwas Großes, wenn man hier mal in Sydney gewesen ist. Auf jeden Fall muss man die sehen. Noch mehr beeindruckt hat mich aber die Harbour Bridge, das ist ein Wahnsinns-Konstrukt.

Dann kommen wir zum nächsten Australien-Stereotyp: Hast Du schon nähere Bekanntschaft mit Koalas und Kängurus gemacht?

Pirmin: Ja. Also, das kriegt man hier schon mit. Klar, aus dem Zoo kennt man alle Tiere, aber wenn man die dann in der Wildnis sieht, ist das etwas ganz anderes. Kängurus haben wir schon ganz oft gesehen, dass die, wenn wir irgendwo gegessen haben, vor uns eine Show abgezogen haben.

Wie stadtnah leben die Tiere?

Pirmin: Man muss schon so zwei Stunden rausfahren. Also, in der Stadt sieht man kein freilebendes Känguru. Aber ja, wir haben schon viele Begegnungen gehabt - auch mit Spinnen und mit Schlangen. Auch die gehören zu Australien. Denen kann man auch nicht immer aus dem Weg gehen.

Das klingt gefährlich...

Pirmin: Schon. Da sind wir aus Queensland gekommen. Das ist im Osten, um Brisbane rum. Da kamen wir zurück und der Teambetreuer hat dann die Kiste hingelegt und alle wollten Schuhe rausnehmen und am Ende in der Ecke war dann eine ganz kleine Redback. Da haben auch die Australier ganz schnell Abstand genommen.

Hast Du denn bei all dem sportlichen Ehrgeiz einerseits und den persönlichen Erlebnissen andererseits auch noch ein bisschen Zeit, ein Auge nach Hannover zu werfen? Verfolgst Du, was unsere Mannschaft so macht in der 2. Liga?

Pirmin: Auf jeden Fall. Immer zeitversetzt. Es sind zehn Stunden Zeitverschiebung, von daher kann ich nicht wirklich live etwas sehen. Dann ist es teilweise schon 11.30 Uhr abends oder mitten in der Nacht. Aber sobald ich dann morgens wach bin, schaue ich aufs Handy und hoffe immer, dass es einen Sieg gab. Es war ja leider ein kleines Auf und Ab, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Pirmin Schwegler trug von 2017 bis 2019 das Trikot unserer Roten.

Was meinst du, was geht für Hannover 96 noch in dieser Saison?

Pirmin: Das kann ich schwer sagen, dazu bin ich ein bisschen weit weg. Aber wie gesagt: Ich habe die Hoffnung, dass es irgendwie vielleicht noch für den dritten Platz reicht, auch wenn das schon sehr schwer wird.

Hast Du noch zu jemandem aus dem Team Kontakt?

Pirmin: Ja, ab und an schon. "Baka" schreibt mir ab und zu und fragt, wie es Baccus geht (lacht). Nein, natürlich tauschen wir uns so hier und da ein bisschen aus. Von "Bruno" Esser habe ich jetzt aktuell mal länger nichts gehört, aber immer mal wieder schreibt man sich. Das waren dann doch schöne Jahre bei 96, da pflegt man die Kontakte.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Dich, Pirmin!
hec