Nachwuchs, Allgemeines

Akademie-Abschiedsinterview mit Johannes Plecksnies: "Der Nachwuchs ist immer ein großes Kapital"

In der Akademie gab es vor knapp einer Woche einen bewegenden Abschied nach fast sechs Jahren bei Hannover 96. Johannes Plecksnies geht seit dem 1. März einen neuen Weg beim VfL Wolfsburg. Im Gespräch mit hannover96.de gibt unser ehemaliger Sportlicher Leiter der Jahrgänge U10 bis U15 seine ganz persönlichen Einblicke in die Nachwuchsarbeit von 96.  

Das Abschiedsbild mit den Mitarbeitern der Akademie, Johannes Plecksnies im herausstechenden 96-Heimtrikot.

Persönlicher Weg
Unser Sportlicher Leiter der Jahrgänge U10 bis U15 hat die 96-Akademie zum 1. März verlassen und ist nach exakt fünf Jahren und 243 Tagen zum VfL Wolfsburg gewechselt. Angefangen hat der 30-jährige A-Lizenzinhaber am 1. Juli 2014 als Videoanalyst der damaligen U15 von 96-Urgestein Steven Cherundolo. Neben der Videoanalyse engagierte sich Plecksnies als Co-Trainer unserer U11, begleitete den Jahrgang 2004 anschließend weitere zwei Jahre als Cheftrainer in die U12 und U13. Während seiner Zeit als U13-Cheftrainer wurde der A-Lizenzinhaber 2016 in die Funktion des Koordinators für die Jahrgänge U10 bis U15 berufen. Wiederum eine Spielzeit später, zur Saison 2017/18, nahm der 30-jährige die Position des Sportlichen Leiters der Jahrgänge U10 bis U15 ein und schob gleichzeitig das Projekt "Perspektivteam" an, welches – unter Plecksnies – in die erste Saison startete. Beim VfL Wolfsburg ist der frühere Jugendtrainer des TSV Krähenwinkel/Kaltenweide als "Abteilungsleiter VfL-Fußballschule/Breitenfußballaktivitäten national und international" tätig. Wir haben mit ihm über seine Zeit bei Hannover 96 gesprochen:

Fangen wir doch direkt mal mit den schönen Sachen an. Wenn Du Dich jetzt an die fünf Jahre und 243 Tage zurückerinnerst, was war Dein persönliches Highlight bei Hannover 96?

Johannes Plecksnies (30): "Da gibt es auf jeden Fall viele Highlights. Ein Moment, worauf ich besonders stolz bin, war eigentlich die letzte U15-Saison. Die 2004er, die ich drei Jahre lang selbst trainiert habe und für die ich danach weiterhin für die Kaderplanung verantwortlich war, haben in der Hinrunde alle anderen Leistungszentren geschlagen und eine sehr starke Saison gespielt. Da war ich schon stolz, dass ich ein Teil des Ganzen bin und auch viele Anteile daran gehabt habe, sowohl bei der Verpflichtung der Spieler als auch bei der Entwicklung der eigenen Spieler, die schon seit der U10 (Anm. d. Red.: Perspektivteam) da waren. Wir hatten in dem Jahr eine Spieleranzahl im zweistelligen Bereich, die schon vor der U12 hier bei 96 waren und dann in der U15 auch zu den Leistungsträgern zählten. Im aktuellen Kader sind auch ganz viele von den Jungs, die ich schon in der U11 trainiert habe und mich macht stolz, dass wir es geschafft haben, die Jungs immer weiter zu entwickeln, sodass sie auch immer den nächsten Schritt für die nächste Altersstufe geschafft haben."

Was hast Du hier aufgebaut bzw. weiterentwickelt, ist im Prinzip Dein Baby hier bei 96?

Plecksnies: "Ich habe das U10-Perspektivteam ins Leben gerufen, welches ich auch in der ersten Saison selber in zwei Gruppen trainiert habe. Dann war ich an der Konzeptionierung des Fahrdienstes beteiligt und habe mit den Kollegen im Scouting für dessen Bereich eine Struktur entwickelt. Aber: Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir den Kontakt zu den umliegenden Vereinen verbessert haben, sodass wir zu den allermeisten Vereinen einen guten Draht aufgebaut haben, kommunizieren auf Augenhöhe, informieren die Vereine. Wir haben einfach eine Kommunikationskultur aufgebaut, dass sich Vereine nicht dagegen sperren, Spieler bei uns ins Probetraining zu schicken oder den Weg für eine Zukunft bei 96 ebnen. Das war nicht immer selbstverständlich. Durch ein respektvolles Miteinander stehen die Vereine mittlerweile größtenteils voll dahinter, freuen sich und sind stolz, dass sie einen Spieler zu 96 schicken. Das war unser Ziel und das haben wir erreicht.
Ein weiteres Thema ist die gute und ständige Kommunikation mit den Trainern. Ich habe mir stets viele Trainingseinheiten angeschaut, habe Entwicklungsgespräche mit den Trainern geführt und eben versucht, dass jeder Trainer in der 96-Akademie in seiner eigenen Entwicklung vorankommt. Wir müssen uns immer vor Augen führen, dass es von der U10 bis zur U14 nebenberufliche Trainer sind. Da habe ich mich für gewisse Rahmenbedingungen eingesetzt, die die Situation der nebenberuflichen Trainer an der Akademie verbessert hat."

Du hast gerade schon ein, zwei Ziele genannt, die Du erreicht hast. Gibt es noch weitere Ziele, die Du Dir im Laufe Deiner Zeit gesteckt und umgesetzt hast?

Plecksnies: "Ich bin der Überzeugung, dass Ziele in dem Altersbereich weniger an Meisterschaften oder an Titel gemessen werden. Das ist zwar etwas Schönes, was man mitnimmt, und sicherlich wollen wir alle und die Spieler auch jedes Spiel gewinnen, aber für mich war ein Ziel, dass die Trainer unsere Philosophie in den Mannschaften einbringen. Das bedeutet, Entwicklung steht an erster Stelle, sowohl auf als auch neben dem Platz. Das messbar zu machen ist schwierig, aber unsere Trainer sind dafür sensibilisiert. Kinderfußball hat hier insgesamt einen höheren Stellenwert bekommen, ein wichtiger Part der Ausbildung bei Hannover 96. Wenn man eben sieht, dass beispielsweise letztes Jahr in der U15 zwölf Spieler Vertragsspieler bei uns geworden sind, die schon in der U10, U11 und U12 da waren, dann ist es ja genau das, was wir erreichen wollen. Das ist das Ziel, Spieler frühzeitig zu verpflichten, hier gut auszubilden und dann in den Leistungsbereich nach der U15 mit einem Fördervertag auszustatten, hier zu binden und im Idealfall Profifußballer aus ihnen zu machen. Wenn es keine Profifußballer werden, was realistisch gesehen bei den meisten der Fall ist, dann wollen wir, dass sie hier in ihrer Persönlichkeit gereift sind und ihre Zeit bei Hannover 96 in positiver Erinnerung haben. Unterm Strich muss am Ende stehen, dass die Jungs sagen, "96 war eine tolle Zeit, die möchte ich nicht missen".

Dann wechsele ich diesbezüglich einmal die Perspektive. Was wirst Du denn am meisten an der Akademie vermissen?

Plecksnies: "Das ist das Zwischenmenschliche. Nichts ist schöner als Jungs zu sehen, die hochmotiviert sind sich bei uns im 96-Umfeld aufzuhalten. Ich habe natürlich viel mehr mit den Trainern zusammengearbeitet, aber indirekt ist man dadurch trotzdem ziemlich nah dran. Du hast hier unheimlich viel Talent vorhanden, unheimlich viel Ehrgeiz bei den Jungs und das macht es zu einem tollen Umfeld, indem ich mich bewegt habe. Die kontinuierliche Entwicklung zu verfolgen macht unheimlich viel Spaß. Das gilt im Übrigen sowohl für die Spieler als auch für die Trainer, mit denen es einen hervorragenden Austausch gegeben hat. Da ist es absolut so, dass ich hier im Guten gehe. Ich werde die Menschen, groß wie klein, vermissen."

Wie sah denn Dein Abschied aus?

Plecksnies: "Es gab am Freitag ein Abschiedsspiel in der Akademie und im Anschluss habe ich noch ein Essen für die Mitarbeiter ausgegeben. Ich bin nicht so gut in Abschiedsworten und diesbezüglich auch recht emotional. Es fiel mir eher schwer, die richtigen Worte zu fassen und zu finden, aber ich glaube durch die Gestik hat jeder verstanden, dass es eine tolle Zeit hier war und dass ich auch wieder vorbeischauen werde. Natürlich möchte ich mit vielen in Kontakt bleiben, denn ich kann sagen, dass ich hier auch Freunde gefunden habe und die auch darüber hinaus bleiben."

Was möchtest du uns zum Abschluss noch mit auf den Weg geben?

Plecksnies: "Ich glaube, dass wir hier in den letzten Jahren etwas aufgebaut haben, was aber weitergeführt werden muss. Ich hoffe, dass der Weg weitergegangen wird, der Verein auch die Wichtigkeit des Nachwuchses im Auge hat und der Nachwuchs hier ihren hohen Stellenwert behält. Ich glaube, der Nachwuchs ist immer ein großes Kapital für den Verein und eine unheimlich schöne Sache. Das liegt mir am Herzen."
cvm