Geradelte Leidenschaft

"DEINE LEIDENSCHAFT. UNSERE STÄRKE!" Unter diesem Motto rollte für uns in der Saison 2012/13 die Kugel in der Liga und in Europa. Auch Kevin Oppermann war mit unseren Roten auf der Reise und hat uns von seiner radelnder Leidenschaft erzählt.

Strampeln für die Roten
Kevin Oppermann fährt für jedes Heimspiel der Roten 22 Kilometer mit dem Fahrrad zum nächsten Bahnhof. Bei Wind und Wetter setzt er sich auf sein Drahtgestell, getreu dem Fangesang "Egal ob‘s regnet, hagelt oder schneit:  96, wir haben immer für dich Zeit!" Kevin erzählt wie er 96-Fan wurde, was ihn auf sein Rad treibt und welches sein besonderes 96-Erlebnis war.

Der Erstkontakt mit den Roten
"Am 23.5.1992 feierte Hannover 96 den größten Erfolg seiner langen Vereinsgeschichte. Nur zwei Monate später, am 25. Juli, wurde ich geboren – ein Roter von Anfang an sollte man meinen. Doch erst 2002 nahm mein Vater mich zu einem 96-Spiel mit. Vorher machte ich meine Lieblingsvereine eher von der Farbe ihrer Trikots abhängig. So stand ich nun vor dem altehrwürdigen Niedersachsenstadion: Flutlichtspiel gegen Hertha BSC. Wie ich das Stadion betrat werde ich nicht vergessen: Mit 96-Weihnachtsmütze, Bayern München-Handschuhen und TSV 1860 München-Schal, das ist kein Scherz. Mir ist noch immer ein Rätsel, wie mein Vater mich so ins Stadion lassen konnte. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht, aber an das Spiel: 96 vergab eine Chance nach der anderen, die Hertha nutzte ihre einzige Chance in der 10. Minute und nahm drei Punkte mit. Trotzdem war es, wenn man es so sagen kann, Liebe auf den ersten Blick. Im selben Jahr trennten sich meine Eltern, mein Vater zog weg, ins Stadion ging ich also erstmal nicht mehr. Im Chaos und Schmerz nach dem Schock ging die neugewonnene Leidenschaft ein wenig unter, doch wenn man am Boden liegt, findet man irgendwann die Kraft aufzustehen. Das tat ich. Ich kehrte zurück, denn mein Vater nahm mich dann doch noch einmal mit. 4:2 gegen Nürnberg, ein herrliches Spiel. Von nun an fasste ich den Entschluss dauerhaft ins Stadion zu gehen. Doch das war nicht so einfach, ich wohne nämlich nicht in Hannover. Trotzdem besitze ich seit sechs Jahren eine Dauerkarte.


Kevin beim Europa League-Achtelfinalspiel in Lüttich.

Der lange Weg ins Stadion
Weil meine Mutter kein Auto besitzt und der nächste Bahnhof mit einer Verbindung nach Hannover elf Kilometer entfernt liegt, radle ich seit mittlerweile sechs Jahren jedes zweite Wochenende insgesamt 22 Kilometer Fahrrad, um die 96-Spiele zu verfolgen. Klingt im ersten Moment vielleicht nicht allzu spektakulär, doch wer schon mal elf Kilometer über die Felder gefahren ist, kennt die Bedingungen: Reichlich Gegenwind. Da ich im Block N16 stehe lautet die Devise früh da zu sein, da sonst die Plätze im unteren Bereich des Blocks schnell belegt sind. Also fahre ich meist um 11.30 Uhr los, um den Zug um 12.23 Uhr in Hagen zu bekommen. Es hält mich dabei eigentlich nichts auf. Ich bin die Strecke schon oft bei Sturm und Regen gefahren, dann fluche ich zwar meist elf Kilometer lang, aber mein Gedanke ist: "Bleib‘ ja nicht zuhause, es könnte ein unvergessliches Spiel werden und du warst nicht dabei." Das treibt mich an. Gegen 13 Uhr komme ich am Hauptbahnhof an, dann gehe ich schnellen Schrittes zum Stadion, treffe meine Jungs und wir betreten um 13.30 Uhr die Arena. So sieht mein typischer Heimspieltag aus. Bei den Euro League-Spielen bin ich meist direkt nach der Schule losgeradelt und auch abends um 0 Uhr die Strecke wieder zurück. Meine Mutter  bekam dann immer Panik, ich bin da immer ganz locker. Natürlich fällt mir der Rückweg bei einer Niederlage etwas schwerer, gerade wenn ich bereits elf Kilometer vom Hinweg in den Knochen und 90 Minuten alles gegeben hatte, war ich auf dem Rückweg schon mal ziemlich erschöpft. Kommt dann noch Wut dazu, ist es für die Menschen, die an der Straße wohnen, nicht so schön, weil ich gerne mal rumbrülle.

Nervenaufreibendes Mitzittern im Hotelzimmer
Wenn es ein Erlebnis gibt, das mich besonders mit 96 verbindet, dann ist es wohl die Saison 2009/2010. Als Robert Enke starb, brach für mich und alle anderen Fans eine Welt zusammen. Ich habe selten so viel geweint, wie in diesem Jahr. Nachdem Hannover 13 Spiele in Folge nicht mehr gewonnen hatte und im Abstiegskampf versank, stand das Spiel in Freiburg an. Es sollte mein erstes Auswärtsspiel werden, doch es kam anders.  Ich bewarb mich damals bei einem Hotel in Frielingen und sollte dort ausgerechnet an dem Wochenende ein Praktikum machen. Somit musste ich die Fahrt absagen, da meine berufliche Zukunft erstmal vorging. Dann kam dieser Samstag und ich hatte Glück: Genau zwischen 15.30 und 18 Uhr hatte ich Pause. In einem Hotelzimmer wollte ich das Spiel im Fernsehen verfolgen. Ich freute mich, das Spiel wenigstens live sehen zu können, wenn ich schon nicht dabei sein konnte. Doch zu früh gefreut: Der Sky-Receiver funktionierte nicht! Ich war verzweifelt und zappte rum, da fand ich NDR2 - leider nur als Radiosender. Also hörte ich die Bundesliga-Show. Als es dann hieß: "Tooooor in Freiburg" blieb mir fast das Herz stehen - 1:0 für uns! Ich schrie das Hotelzimmer zusammen, hüpfte vor Freude durch das Zimmer. Doch der Ausgleich folgte, ich schmiss mich in mein Bett und wollte es nicht wahr haben. Nach 13 Spielen ohne Sieg sollte es doch endlich wieder soweit sein: "Tooooooooooooor in Freiburg, 2:1 für 96"! Jetzt gab es kein Halten mehr, ich lief schreiend durchs Zimmer, hüpfte, ließ meinen Emotionen freien Lauf! Die letzten Minuten lief ich nervös durch das Zimmer. Dann erfolgte der Abpfiff, ich fiel auf den Boden, schrie vor Freude und hatte Tränen in den Augen. Diesen Nachmittag im Hotelzimmer werde ich nie vergessen.

Fahneschwenkender Jubel zum 4:2: Heimsieg gegen den VfB Stuttgart 2011/12.

Der Weg nach Bochum
Nachdem die Roten in Freiburg endlich wieder gewonnen hatten, ging es weiter aufwärts. Bevor das "Spiel der Spiele" in Bochum bevorstand, gewann 96 auf Schalke mit 4:2 und vermieste ihnen als netten Nebeneffekt noch  indirekt die Meisterschaft. Leute, trefft Ihr nach einem solchen Sieg auf Schalker, versteckt Eure Schals! Meiner wurde mir geklaut, das trübte den Nachmittag. Dann besiegten die Roten die Gladbacher mit 6:1. Nun begannen die Vorbereitungen auf DAS Spiel. Monatelang hatten alle gezittert. Nie war die Angst größer, den Gang in die 2. Liga antreten zu müssen. Schlaflose Nächte mit Gedanken an einen Abstieg und die Befürchtung, ob dass Verein nach dem tragischen Tod des Kapitäns endgültig zerbrechen könnte. Doch durch das 6:1 gegen Gladbach konnten sich die Roten am letzten Spieltag aus eigener Hand retten. Bedingung war ein Sieg gegen die ebenfalls vom Abstieg bedrohten Bochumer. Gefühlstechnisch hatte sich halb Hannover mit Karten für das Spiel im Ruhrstadion eingedeckt.  Der VFL bemerkte dies zu spät und schloss den Vorverkauf. Bis dahin hatte ich keine Karte, was nun? Dieses Spiel verpassen? Niemals, das konnte nicht wahr sein. Eine Freundin sagte, sie könnte eventuell eine über das Fanprojekt besorgen. Und schließlich vier Tage vor dem Spiel kam die erlösende SMS: Ich hatte eine Karte!

Auf geht's Richtung Ruhrgebiet
Meine erste Auswärtsfahrt stand also fest und dann gleich zum vermutlich wichtigsten Spiel seit Jahrzehnten. Die Nacht vor dem Spiel übernachtete ich bei meinem Bruder, an schlafen war nicht zu denken, ich konnte es auch gar nicht. Um 6.30 Uhr klingelte der Wecker - endlich. Um 9 Uhr ging es zum Bahnhof, noch nie in meinem Leben war ich so angespannt, so nervös. Um 9.30 Uhr fuhr der Zug Richtung Minden ein, halb Hannover war auf dem Weg zu diesem Spiel. Der Zug war hoffnungslos überfüllt. In Minden hatten wir eine Stunde Wartezeit, bis der Regionalexpress nach Düsseldorf mit Zwischenhalt in Bochum einfuhr. Wir hatten Glück und konnten sitzen, die Umstände im Zug selber waren sicherlich nicht 1. Klasse. Kurz vor zwölf: "nächster Halt Bochum" hallte es aus den Lautsprechern des Zuges. Jubel, endlich da! Der Moment als ich ausstieg, bleibt unvergesslich: Ein Meer von 96-Fans überflutete den Bochumer Bahnhof. 11.000 Rote waren in Bochum, gefühlt waren es 96.000. Dann begann der Marsch zum Spiel, unfassbar laut und eine Euphorie, die die Angst dann doch mal kurz vergessen ließ. Es dauerte lange, bis die Menschenmassen am Ruhrstadion ankamen, bis man dann im Stadion war und das "Gemeinsam für die erste Liga" T-Shirt bekam.

Der Fanblock platzt aus allen Nähten: Zahlreiche Fans unterstützen die Roten in Bochum..

Rote Erleichterung in Bochum
Die Zeit bis zum Anpfiff vertrieben wir uns mit Rechnen und Vermutungen, was auf uns wartete. Als die Mannschaften aufliefen, waren die Angst und die Aufregung mit einem Schlag wieder da. Die Stimmung auf den Rängen war unfassbar, als ob ganz Hannover die Jungs unterstützte. Es war fast wie bei einem Heimspiel in diesem wichtigsten Spiel seit Jahren. Und die Jungs drehten auf, in der 6. Minute sah ich das schönste Tor seit ich ein "Roter" bin. Dass ich bei dem Jubel keine Knochenbrüche davontrug, war wohl ein kleines Wunder. Was dann folgte, war pure Erleichterung, das 2:0 und das 3:0 folgten in der ersten Hälfte und jetzt war auch mir als Pessimist klar, wir steigen nicht ab! Die zweite Halbzeit wurde durchgefeiert, es war DIE Erlösung. Beim Schlusspfiff war der Jubel noch größer als beim 1:0. Denn nun kamen alle Emotionen hoch, all die Angst und nun die unglaubliche Erleichterung. Ich weinte, auch in Gedanken an mein Idol. Seit diesem Tag habe ich bei unserer Hymne "Alte Liebe" ein Ritual, immer wenn die Zeile "Manchmal geht es nicht so wie man will, aber unsere Liebe steht, deswegen noch nicht still. Tränen können fließen, doch gemeinsam rudern wir, im roten Fußballboot!" kommt, hebe ich beide Zeigefinger Richtung Himmel um Robert Enke zu gedenken.

Singend auf dem Rad nach Hause
Auf der Rückfahrt ließ ich es im Sonderzug ruhig angehen. Die Zeit wurde genutzt, um das Spiel und die letzten Monate zu verarbeiten und ein bisschen runterkommen. Ankunft war um 22.30 Uhr im Hauptbahnhof von Hannover. Nach der emotionalen Ansage des Zugführers war es geschafft. Mit lauten "Nieeee mehr zweite Liga"-Rufen betraten wir die schönste Stadt der Welt! Wir machten uns auf zum Stadion, um noch ein wenig die Mannschaftsfeier mitzuerleben. Erst um Mitternacht war alles vorbei. Nie war die geradelte Rückfahrt schöner als diese. Auf dem Rückweg spät nachts mit dem Fahrrad schrie ich zum ersten Mal seit Monaten vor Freude, sang durchgehend im Wechsel "Oh 96 olé, du wirst niemals untergehen" und "Nieee mehr zweite Liga". In diesen sechs Jahren fiel keine Fahrt so leicht wie diese, trotz zweimaliger Qualifikation für Europa. Wann immer ich an diesen Tag zurückdenke, mir das Spiel ansehe oder davon erzähle, bekomme ich einen Schauer auf dem Rücken und Tränen in den Augen, wie jetzt gerade. Eines habe ich mir geschworen:  Die erste Auswärtsfahrt nach Bochum, wird auch die letzte Fahrt nach Bochum sein - die Erinnerung ist viel zu wertvoll, um dort noch einmal zu stehen. Das war mein schönster Tag in mittlerweile zehn Jahren als Fan dieses Vereins.

Losgelöste Freude bei der Mannschaft nach dem gelungenen Klassenerhalt 2010.