Rund um 50+1: Die meist gestellten Fragen

Das Thema 50+1 ist extrem komplex und wirft bei vielen von Euch sicherlich so manche Frage auf. Hier versuchen wir, einige davon anschaulich zu beantworten, um darzustellen, was die 50+1-Regel eigentlich ist, warum 96 eine Ausnahme davon beantragt hat und wie der derzeitige Stand nach der Ablehnung durch die DFL ist.

  • Was ist eigentlich die sogenannte 50+1-Regel?

    Lediglich Schalke 04, der SC Freiburg und Mainz 05 treten in der Fußball-Bundesliga als eingetragener Verein (e.V.) an. Die restlichen 15 aktuellen Bundesliga-Vereine haben ihre Profi-Abteilungen ausgegliedert - zum Beispiel in Aktiengesellschaften (AG) oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH) oder wie Hannover 96 in eine GmbH & Co. KGaA.

    Diese Ausgliederungen sind allerdings nur erlaubt, solange der jeweilige e.V. Mehrheitsanteile hält - mindestens 50 Prozent plus einen weiteren Stimmanteil, also 50+1. So steht es in der Satzung des Deutschen Fußball-Bundes. Bei der GmbH & Co. KGaA muss die Komplementärgesellschaft eine hundertprozentige Tochter des Vereins sein. Dies ist in unserem Fall die Hannover 96 Management GmbH.

    In den anderen großen europäischen Ligen in England, Spanien, Italien und Frankreich gibt es keine 50+1-Regel.

  • Welche Ausnahmen gibt es von der 50+1-Regel?

    Auch im Profifußball gilt die alte Lebensweisheit: Keine Regel ohne Ausnahme. Dabei gilt es zweierlei zu unterscheiden:

    • Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg profitierten von einer Stichtagsregelung, wonach eine mehrheitliche Beteiligung (also mehr als 50 Prozent) eines Dritten, beispielsweise eines Investors, an einer Fußballkapitalgesellschaft zulässig ist, wenn dieser den Verein mindestens 20 Jahre "vor dem 1.1.1999" ununterbrochen gefördert hat. Dieser Fall trifft auf Leverkusen (zu 100 Prozent in der Hand des Bayer-Konzerns) und auf Wolfsburg (100 Prozent VW) zu.

    • Ein Schiedsgerichtsurteil vom 30. August 2011 modifizierte die Ausnahmeregel. Demnach erhalten nun alle Bundesligisten die Möglichkeit, Geldgebern eine Beteiligung von mehr als 50 Prozent zu gewähren. Voraussetzung dafür ist, dass diese den Fußballsport im Verein seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich gefördert haben. Das trifft bislang nur auf Dietmar Hopp (1899 Hoffenheim) zu. Seit dem Herbst 2017 ist auch Martin Kind bei Hannover 96 seit 20 Jahren engagiert. Hannover 96 hat - was von Kritikern oft übersehen wird - niemals einen Antrag zur Abschaffung der 50+1-Regel gestellt. Der Antrag, den Martin Kind, die Hannover 96 KGaA und Hannover 96 e.V. gemeinsam gestellt haben, basiert auf der DFL-Satzung und der Möglichkeit der Ausnahme von 50+1 nach 20 Jahren. Im Juli 2018 hat das Präsidium der DFL den Antrag abgelehnt.
  • Mit welcher Begründung hat die DFL den Antrag abgelehnt?

    "In der abschließenden Bewertung kam das DFL-Präsidium zu dem Ergebnis, dass das Kriterium der 'erheblichen Förderung' als Voraussetzung für die Erteilung einer Ausnahme von der 50+1-Regel nicht erfüllt ist", hieß es von Seiten der DFL. 96 bezeichnete die Entscheidung als "unverständlich und offensichtlich rechtsirrig". Die DFL reichte zudem beim Bundeskartellamt einen Prüfantrag ein und beantragte ein Verfahren nach Paragraf 32 c GWB (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen). Das Bundeskartellamt soll klären, ob die grundsätzliche Anwendung und Auslegung der 50+1-Regel kartellrechtliche Bedenken beinhaltet.

  • Wie geht es bei 96 jetzt weiter mit 50+1?

    96 hat von der Möglichkeit zur Anrufung des Ständigen Schiedsgerichts der Lizenzligen, das über sämtliche Streitigkeiten zwischen dem DFL e.V., der DFL GmbH und/oder dem DFB und einem Klub entscheidet, Gebrauch gemacht. Die Schiedsgerichtsverhandlung fand am 11. Dezember vergangenen Jahres statt. Dabei legten 96 und die DFL ihre Argumente ausführlich dar, eine Entscheidung traf das Schiedsgericht nicht. Das Verfahren wird in diesem Jahr fortgesetzt.

  • Wie argumentieren diejenigen, die die 50+1-Regel für überholt halten?

    Ein wesentliches Argument ist die Frage der Chancengleichheit: Diese existiert de facto bereits in der Bundesliga nicht mehr, da die 50+1-Regel für Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg nicht mehr gilt. Es gelten also nicht für alle Vereine die gleichen Wettbewerbsbedingungen - nicht im nationalen und auch nicht im internationalen Vergleich, denn in den anderen großen europäischen Ligen in England, Spanien, Italien und Frankreich gibt es keine 50+1-Regel.

    Dass die 50+1-Regel mögliche Investoren zögern lässt, bei einem Klub als Geldgeber einzusteigen, gilt als sicher. Eine Abkehr von der 50+1-Regel würde folglich für alle Vereine die Möglichkeit bieten, die Wettbewerbsfähigkeit – international oder national - zu erhöhen und eine Chancengleichheit herzustellen.

    Unter anderem deswegen glauben viele Experten, dass die 50+1-Regel bei einer juristischen Überprüfung nicht bestehen würde. So hatte Ende Januar 2017 zum Beispiel Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München, gesagt, dass "die 50-plus-1-Regel vor Gericht nicht standhalten wird".

  • Welche Sorgen machen sich diejenigen Fußballfans, die sich für einen Erhalt der 50+1-Regel in der Bundesliga einsetzen?

    "Der Fußball verkauft seine Seele" – "Die Liga verrät die Traditionsvereine" – "Investoren machen den Sport kaputt". So oder ähnlich lauten Argumente derer, die sich für eine Beibehaltung der 50+1-Regel einsetzen. Dahinter steckt die Sorge, dass Fußballvereine zum reinen Spekulationsobjekt von Investoren werden könnten, denen es nur um wirtschaftliche Interessen geht. Außerdem gibt es in England, wo Investoren in vielen Klubs die Geschicke bestimmen, beispielsweise höhere Eintrittspreise. Dass es dazu auch in Deutschland kommen könnte, gehört ebenfalls zu den Befürchtungen von 50+1-Befürwortern.

  • Wie sieht 50+1 aktuell bei Hannover 96 aus?

    Hannover 96 hat die Profifußballabteilung bereits 1999 ausgegliedert – damals mit mehr als 80 Prozent Zustimmung seiner Mitglieder. Die Bundesligamannschaft gehört damit zur Hannover 96 GmbH & Co. KGaA, die wiederum eine hundertprozentige Tochter der Hannover 96 Sales & Service GmbH und Co. KG ist mit den vier Gesellschaftern Martin Kind, Dirk Roßmann, Gregor Baum und Matthias Wilkening. Die Stimmenmehrheit an der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA hält die Hannover 96 Management GmbH. Dadurch bestimmt diese auch die für den Profifußball verantwortliche Geschäftsführung. Die Hannover 96 Management GmbH ist - solange die 50+1-Regel in Hannover Bestand hat - eine hundertprozentige Tochter des Hannover 96 e.V..

  • Was würde sich durch 50-1 für Hannover 96 strukturell verändern?

    Mit der Erteilung der Ausnahmeregelung ergäbe sich folgende Veränderung: Die Geldgeber hätten künftig das letzte Wort, wenn darum geht, die für den Profibereich verantwortliche Geschäftsführung zu bestellen – und nicht mehr der Verein. Warum dies für aktuelle und mögliche künftige Geldgeber ein wichtiges Anliegen ist, lässt mit einem Beispiel aus dem Alltag anschaulich erklären: Wer sich in seinem Haus eine neue Küche kauft, der will natürlich selbst entscheiden, welche Gerät dazu gehören, wie die Spüle aussehen und welche Farbe die Fronten haben sollen. Überträgt man dieses Beispiel auf Geldgeber in einem Profifußballunternehmen, dann wollen diese – wie letztlich der Küchenkäufer auch – Entscheidungen darüber fällen können, was mit ihrem Geld passiert.

  • Wie lässt sich verhindern, dass nach einem Wegfall der 50+1-Regel ausländische Investoren das Sagen bei Hannover 96 bekommen?

    Es sind zwei Sicherungsstufen eingebaut, die nach einem möglichen Fall von 50+1 bei 96 verhindern, dass ausländische Investoren im Klub Einfluss ausüben können.

    Die von Martin Kind erworbenen Anteile dürften ohne Zustimmung des Vereins nur an die Hannover 96 Sales & Service GmbH und Co KG (S&S) weiterverkauft werden, also an die Gesellschafter aus der Region Hannover.

    Die S&S wiederum dürfte die Anteile nur weiterverkaufen, wenn der Verein zustimmt.

  • Wer hatte eigentlich entschieden, dass Hannover 96 einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel stellt?

    Die Satzung von Hannover 96 e.V. sieht in dieser Frage folgenden Weg vor: Die Mitglieder wählen einen Aufsichtsrat, der wiederum bestellt einen Vorstand, der für die Beschlüsse zuständig ist. Am 14. Juni 2017 hat der Vorstand von Hannover 96 einstimmig beschlossen, 51 Prozent seiner Gesellschaftsanteile an der Hannover 96 Management GmbH an Martin Kind zu verkaufen, der Aufsichtsrat des e.V. hat dem mit Mehrheit zugestimmt.

    In mehreren Gerichtsurteilen wurde bestätigt, dass der Vorstand diesen Beschluss ohne eine ausdrückliche Zustimmung der Mitgliederversammlung fassen durfte.