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Martin Kind: "Wir wissen, dass ein Neuaufbau Geduld erfordert"

Im Interview mit hannover96.de spricht Geschäftsführer Martin Kind über die Notwendigkeit des Neuaufbaus, die Transferpolitik, das Ende des Prinzips Hoffnung, die Treue der Sponsoren und erklärt, warum Summe X als Ablösesumme nicht Summe X auf dem Konto bedeutet.

Martin Kind: "Alle Entscheidungen heute und für die Zukunft sind in eine Gesamtstrategie eingebunden."

Herr Kind, wie fällt Ihr sportliches Fazit nach fünf Spieltagen in der 2. Liga aus?

Kind: Die ersten Spiele lassen eine endgültige Beurteilung der Leistungsstärke noch nicht zu. Wir haben auswärts in Stuttgart und Hamburg gegen zwei starke Mannschaften und Aufstiegsfavoriten verloren und in den beiden Heimspielen gegen Regensburg und Fürth leider nur unentschieden gespielt. Dadurch haben wir weniger Punkte auf dem Konto, als wir uns alle gewünscht haben. Die Beurteilung fällt dadurch im Moment defensiv aus. Deshalb haben wir auch die letzten beiden Transferentscheidungen (Dennis Aogo, Marc Stendera, d. Red.) getroffen, denn die Schwächen der Mannschaft waren in den Spielen erkennbar.

Sie haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass nach dem Abstieg aus der Bundesliga ein Umbruch notwendig war. 18 Spieler wurden abgegeben, neun neue Profis geholt.

Kind: Die Transferentscheidungen, die getroffen wurden, sind gut vertretbar. Es ist deutlich, dass die Mannschaft Charakter hat, dass sie leistungsbereit ist und die Spieler erfolgsorientiert denken. Das Zusammenwachsen der Mannschaft benötigt noch einige Zeit. Wir haben uns für einen Neuaufbau entschieden und sind realistisch genug, um zu wissen, dass das auch Geduld erfordert.

Bei Transferentscheidungen geht 96 anders vor als in der Vergangenheit. Wie sieht dieser Prozess aus?

Kind: Wir haben den Entscheidungsprozess bei Transfers neu strukturiert. Das ist aber noch nicht ganz abgeschlossen. Alle Entscheidungen heute und für die Zukunft sind in eine Gesamtstrategie eingebunden. Wir nutzen Softwareprogramme, um alle Daten von Spielern aufzubereiten, damit wir diejenigen identifizieren können, die für uns interessant sind. Diese Spieler werden anschließend mehrfach von unseren Scouts, der Sportlichen Leitung und dem Trainer beobachtet. Zum Gesamtkonzept gehören Anforderungsprofile, die wir an Spieler stellen, aber natürlich auch die wirtschaftlichen Rahmendaten. Auf dieser Grundlage treffen wir dann gemeinsam die Entscheidungen.

Wie wichtig ist dabei die Charakterfrage?

Kind: Das spielt eine wichtige Rolle. Wir wollen vor einem Transfer die Spieler kennenlernen, mit ihnen sprechen, ein Gefühl für ihre charakterlichen Eigenschaften bekommen und auch für ihr familiäres Umfeld. Die Sportliche Leitung und der Trainer bringen sich an dieser Stelle sehr ein.

Hannover 96 hat nicht nur sportlich einen Neuanfang gemacht, sondern auch einen wirtschaftlichen Konsolidierungskurs eingeschlagen. Warum war dieser notwendig?

Kind: Die Entscheidungen der Vergangenheit haben uns nicht nur sportlich mit dem Abstieg, sondern auch wirtschaftlich massiv geschadet. Deshalb haben wir neue Strukturen geschaffen und sind noch dabei, diese weiterzuentwickeln. Im Laufe der Saison werden wir das Wesentliche abschließen können. Wir haben die vergangene Saison mit einem hohen Verlust abgeschlossen und werden auch in der laufenden Spielzeit Verluste erwirtschaften. Dazu kommt eine beträchtliche finanzielle Unterstützung für 96 e.V. Zur Einschätzung gehört aber auch, dass wir in dieser Saison immer noch den dritt- oder viertgrößten Etat der 2. Liga haben.

Manchmal bekommt man den Eindruck, Sie würden Sportjournalisten gern einen kleinen Exkurs zum Thema Wirtschaft geben.

Kind: Die Presse denkt immer nur in Ablösesummen, also in Liquidität, aber der Vorgang ist natürlich viel komplexer. Es gibt drei wirtschaftliche Aspekte, die zusammenfließen: die Liquiditätsbetrachtung, die Bilanzbetrachtung und die Gewinn- und Verlustrechnung. Wenn ich die Medienberichterstattung betrachte, dann wird dort immer geglaubt, dass uns, wenn wir einen Spieler verkauft haben, die Summe X zufließt - und dann können wir sie ausgeben. In der Regel zahlen die Vereine die Ablösesumme aber nicht in einem Betrag, sondern in Raten. Es ist nicht so, wie in den Berichten unterstellt wird, dass wir die Summe sofort auf dem Konto haben. Das wäre zwar schön, ist aber nicht so. Manche Finanzierungsprozesse laufen über zwei Jahre. Darüber hinaus kann es vorkommen, dass der Ex-Verein eines Spielers an der Ablösesumme beteiligt ist.

Sie haben auf der Pressekonferenz vor ein paar Tagen angekündigt, dass es Geldgeber gibt, die interessiert sind, beim Profiunternehmen 96 einzusteigen. Wie weit sind Sie an dieser Stelle?


Kind: Zwei Interessenten haben sich von sich aus bei mir gemeldet. Ich habe aber noch keine neuen Gespräche geführt. Ich möchte erst die Strategie der Zukunft entwickeln. Wir brauchen eine vernünftige Gesellschafterstruktur, das ist wichtig. Wir brauchen aber insbesondere auch eine Strategie der Entwicklung von 96. Wir wollen keine Alibiveranstaltung machen. Das Prinzip Hoffnung, dem ich zwei Jahre gefolgt bin, ist zu Ende. Wir müssen strukturiert und zielorientiert alle Entscheidungen treffen. Das ist zwar in der jetzigen Phase schwierig, weil das viele nicht verstehen oder akzeptieren wollen, aber es ist notwendig. Es gibt viele Möglichkeiten, und die will ich jetzt seriös für alle Partner entwickeln. Das benötigt eine gewisse Zeit. Wir brauchen eine wirkliche Ausrichtung.

Wie bewerten Sie mit etwas Abstand den sogenannten Hannover-96-Vertrag, den das Wirtschaftsunternehmen und 96 e.V. abgeschlossen haben?

Kind: Er bestätigt das Zwei-Säulen-Modell, das eine erfolgreiche Entwicklung von Hannover 96 ermöglicht hat. Der e.V. hat jetzt die Sicherheit der Finanzierung für die Investition an der Stadionbrücke und die Möglichkeiten, Sportangebote zu schaffen und etwas für die Mitgliederentwicklung zu tun. Und der Profifußball kann sich unabhängig vom Verein unter den Wettbewerbsbedingungen der Bundesliga entwickeln.

Noch einmal zurück zur aktuellen Saison in der 2. Liga. In einem Zeitungskommentar wurde das Schreckensbild einer Spielzeit mit gleichgültigen Sponsoren und leeren Rängen gemalt.

Kind: Das ist völliger Quatsch. Für mich ist das Verhalten in einer Krise wichtig. Die Sponsoren haben ihre Verträge nicht gekündigt, einige sogar bewusst verlängert. Das verdient Respekt und ist ein starkes Signal für die Bedeutung von Hannover 96 in der Stadt und der Region. Die Nachfrage nach Logen konnten wir nicht alle erfüllen, aus einem einfachen Grund: Wir haben auch in der 2. Liga keine freien Logen. Auch die Tatsache, dass sich mehr als 19.000 Menschen entschieden haben, eine Zweitliga-Dauerkarte zu kaufen, ist ein schöner Vertrauensbeweis für die Strahlkraft von Hannover 96. Und wenn attraktivere Gegner kommen als in den ersten beiden Heimspielen, wird es auch auf den Rängen deutlich voller werden.

Eine "Übergangssaison", wie der eine oder andere mutmaßt, wird es also nicht geben?

Kind: Nein. Noch einmal: Wir haben uns für einen Neuaufbau entschieden und wissen, dass dafür Geduld notwendig ist. Wir haben deshalb den sofortigen Wiederaufstieg nicht als Ziel ausgegeben. Aber es gibt nach fünf Spieltagen keinen Grund, die Saison schon zu bewerten oder einen Haken dahinter zu machen. Die Möglichkeit, um einen der Aufstiegsplätze zu spielen, besteht nach wie vor. Das war, ist und bleibt unser Ziel.
hr