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Martin Kind im Interview: "Die Bundesliga hat in einer Traumwelt gelebt"

Im großen Interview spricht Martin Kind über die Coronakrise und die Folgen für die Wirtschaft, den Profifußball und Hannover 96. Außerdem erklärt der 96-Geschäftsführer, warum er diese Krise trotz aller Risiken auch als Chance begreift und sich der Profifußball verändern wird und muss.

Herr Kind, zuerst die wichtigste Frage: wie geht Ihnen und Ihrem Umfeld?

Martin Kind (75): Mir geht es super. Ich bin fit und gesund, das gilt auch für meine Familie. Wir sind entspannt, aber auch vorsichtig und beachten alle Empfehlungen, beispielsweise vom Robert-Koch-Institut. Was ich auch jetzt ablehne, sind Aktionismus oder Hektik, dieser Eindruck entsteht ja häufig zurzeit, wenn ich die Medien verfolge. Beides ist nicht hilfreich.

Sie verfügen über eine große Lebenserfahrung und haben als Unternehmer auch schon Wirtschaftskrisen erleben müssen. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation mit dem Blick zurück auf andere Krisen?

Kind: Die Entwicklung ist mehr als kritisch. Dieser unsichtbare Feind, das Virus, erreicht Dinge, die ich mir nie hätte vorstellen können. Wir müssen uns mit den Risiken dieser Krise auseinandersetzen. Ich persönlich hoffe sehr, dass es gelingt, die Krise zu meistern, ansonsten sind die deutsche Volkswirtschaft, aber auch die europäische und die Weltwirtschaft hochgefährdet. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass die Menschen überzeugt werden, die Krise zu akzeptieren und alle die Empfehlungen der Experten vollumfänglich befolgen.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, wie ernst die Situation ist?

Kind: Ganz bewusst erst in den letzten zwei, drei Wochen. Ich kann mich erinnern, in der Öffentlichkeit, in der Presse, gab es bis dahin immer nur das Thema Klima, CO2. Das ist völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden und man könnte den Eindruck haben, dass alles geregelt und alles prima ist. Aber das ist es natürlich nicht. Es gibt einen Hype um das Thema Corona, der sicher aus gutem Willen entsteht, aber auch verunsichert. Ich glaube, viele Menschen können mit dieser Vielfalt an Informationen schwer umgehen. Wir brauchen Klarheit, Sachlichkeit und einen kühlen Kopf, damit wir diese Situation in den in Griff kriegen – das ist entscheidend.

Was bedeutet die Coronakrise für das Profifußballunternehmen Hannover 96?

Kind: Auch für den Fußball ist die Situation überraschend gekommen, das hat man an den ersten Reaktionen der Vereine und bei DFL und DFB gesehen. Die Verantwortlichen in den Verbänden waren auf diese Situation nicht vorbereitet. So sind am Anfang auch viele Irritationen entstanden. 96 war der erste Profiklub, bei dem zwei Spieler positiv getestet wurden und die Mannschaft in Quarantäne musste. Für mich war in dem Moment klar, dass wir zwar die Ersten sind, aber nicht die Einzigen. Zum Anfang herrschte bei der DFL noch viel Optimismus. Jetzt müssen wir erkennen, dass der Fußball, so wie wir ihn geliebt und gelebt haben, sich verändern wird. Und zwar nach meiner Erwartung deutlich. Wir müssen dieses gesamte Problem in den Griff bekommen, aber die Krise auch als Chance verstehen.

Martin Kind fordert "Klarheit, Sachlichkeit und einen kühlen Kopf", um die Situation rund um die Coronakrise in den Griff zu bekommen.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit der deutsche Profifußball die Krise überstehen kann?

Kind: Ich begrüße ausdrücklich, dass die Gesellschafter der DFL entschieden haben, dass diese Saison zu Ende gespielt wird. Das bedeutet Zeitgewinn und eine gewisse Planungssicherheit bei den wichtigsten Positionen TV-Geld und Sponsoren, und zwar in dem Sinne, dass wir eine Haushaltsfinanzierung rechnen und entsprechende Entscheidungen treffen können. Natürlich mit deutlichen Risiken, die noch gar nicht alle diskutiert sind. Eine weitere Aussetzung des Spielbetriebs in der Bundesliga und 2. Bundesliga bis mindestens 30. April, wie von der DFL empfohlen, ist sinnvoll, auch wenn sich seriös nicht beurteilen lässt, ob dieser Termin realistisch ist. Trotzdem kann ich nur empfehlen, dass wir auch ein Abbruchszenario - von dem ich sehr hoffe, dass es nicht eintritt - durchspielen und alle Pläne dann in der Schublade haben.

Könnte Hannover 96 länger durchhalten als andere Vereine?

Kind: Das weiß ich nicht. Ich kenne die Bilanzen anderer Vereine nicht. Es geht jetzt um Liquidität. Und eines muss man deutlich sagen: Vereine wie Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen, Leipzig werden diese Krise wirtschaftlich stabil durchstehen können. Andere, die in anderen Rechtsformen organisiert sind, könnten Probleme bekommen. Ich schließe Insolvenzen nicht aus.

Hat das Risikomanagement bei einigen Klubs nicht funktioniert?

Kind: Ich denke, es ist nicht berechtigt, einzelne Klubs zu kritisieren. Es geht um die Bundesliga insgesamt. Die Bundesliga hat in einer Traumwelt gelebt. Die meisten Entscheidungen waren geprägt über sportliche Erfolge. Wirtschaftliche Vernunft war immer sekundär oder sogar tertiär. Wir waren im Ergebnis ein Durchlauferhitzer. Wir haben Umsätze erzielt (TV-Gelder, Sponsoren- und Ticketeinnahmen), waren stolz und haben sie dann weiterverteilt. Aber die Aufgabe eines Bundesligaklubs ist es auch, Erträge zu erwirtschaften und Rücklagen zu bilden, auch für Krisen. Das haben wir nie gemacht, wir haben alle von der Hand in den Mund gelebt und geglaubt, das Spiel geht immer so weiter. Mit dem Szenario jetzt konnte niemand rechnen. Aber ich sehe es wirklich als Chance an, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie man den Fußball sportlich attraktiv erhalten kann, gepaart mit wirtschaftlicher Vernunft und Realismus. Und da habe ich mir ein paar Gedanken gemacht.

Was haben Sie für Ideen?

Kind: Es gab von Herrn Hopp den Vorschlag eines Solidarfonds. Über den sollte man diskutieren, das ist am Ende eine Frage der Ausgestaltung und Finanzierung. Ich würde auch empfehlen, über eine klare Definition der Personalkosten zu diskutieren, und zwar bezogen auf den Umsatz. Auch ein Salary Cap (eine Gehaltsobergrenze, d. Red.) ist ein Thema, das auf die Tagesordnung gehört. Ich verstehe eine Krise immer auch als Chance. Es geht nicht darum, zu kritisieren, sondern sich konstruktiv mit allem auseinanderzusetzen unter der Fragestellung: Was können wir daraus lernen und welche Antworten finden wir für die Zukunft?

Ist diese Hand-in-den-Mund-Mentalität typisch für Profifußballklubs?

Kind: Wirtschaftsunternehmen sind in der Regel vernünftiger. Das ist eine Besonderheit des Sports, hier insbesondere des Profifußballs, weil er sich über Ergebnisse definiert und die Planungssicherheit immer nur für eine Saison besteht. Das scheint andere Denkmechanismen in Kraft zu setzen - und die Vernunft manchmal außer Kraft. Noch einmal: Wir brauchen eine Synthese von sportlichem Erfolg und wirtschaftlicher Machbarkeit, und zwar unter dem Aspekt der Risikobewertung. Die ist bisher nie erfolgt. Wer hätte erwartet, dass innerhalb von vier Wochen alles infrage gestellt wird, was wir über Jahrzehnte aufgebaut haben. Das muss dazu führen, Antworten zu finden, am besten gemeinsam.

Haben Klubs, die über eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel verfügen, einen längeren Atem in der Krise?

Kind: Meine Meinung ist deutlich bekannt. Ich habe ja schon erwähnt, wie wirtschaftlich stabil Wolfsburg, Leverkusen oder Hoffenheim sind. Dazu gehört auch, welche Finanzierungsmöglichkeiten sie am Kapitalmarkt haben. Für Klubs in der Rechtsform des eV sind diese Möglichkeiten vermutlich schwieriger. Auch unter diesem Aspekt wird die strategische Ausrichtung für die Zukunft zu diskutieren sein - 50+1 wird dann ein Punkt auf der Diskussionsliste sein.

Sehen Sie in der Liga einen neuen Ansatzpunkt für eine Neubewertung der 50+1-Regel?

Kind: Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß, dass die Vereine, die die Ausnahmeregelung haben, stabil sind. Wir haben in Hannover eine besondere Lösung geschaffen, das schafft auch Stabilität. Letztlich geht es um den Fußballmarkt und die Schaffung gleicher Bedingungen, deshalb kann ich nur empfehlen, nicht nur das eine Thema, sondern viele Themen offen, ehrlich, kontrovers und trotzdem konstruktiv zu diskutieren und wenn möglich ein Modell für die Zukunft zu entwickeln. 

Braucht der Profifußball Hilfe von außen?

Kind: Es wäre - Stand jetzt - der falsche Ansatz, nach dem Staat zu rufen. Im Profifußball werden Millionen verteilt, es gehen Millionen in Gehälter, an Berater oder andere, die überproportional profitieren. Dann nach Hilfe des Steuerzahlers zu fragen, wäre nicht seriös. Wenn wir so arbeiten wollen, wie wir es bisher gemacht haben, müssen wir die Probleme eigenverantwortlich lösen. 

Sind die Arbeitsplätze bei Hannover 96 sicher?

Kind: Wir sind zuletzt zweimal in kurzer Zeit abgestiegen, das ist lästig, das können Sie mir glauben. Aber wir haben immer alle Arbeitsplätze erhalten. Das war unser Selbstverständnis, und das wollen wir auch jetzt in der Krise. Wir führen auf der Geschäftsstelle das Modell der Kurzarbeit ein, aber dabei geht es auch ausschließlich darum, die Arbeitsplätze zu sichern.

Sehen sie Probleme, wenn – was ja nicht ausgeschlossen werden kann – die Saison erst nach dem 30. Juni fortgesetzt werden könnte oder über dieses Datum hinaus dauert?

Kind: Die Rechtsfragen sind vielfältig, auch was die Verträge bis zum 30. Juni betrifft. Aber ich denke, dass dann Sonderregelungen geschaffen werden müssen. Das ist möglich, wenn alle Beteiligten es wollen. Die Politik hat es ja vorgemacht - hoher Respekt dafür. Das Gesetz zur Kurzarbeit wurde in drei Lesungen an einem Tag durchgezogen, der Bundesrat hat noch am gleichen Tag zugestimmt. Das zeigt, in der Krise kann man schnell und konstruktiv entscheiden. Das gilt dann auch für den Fußball.

Wie denken Sie über einen Gehaltsverzicht von Fußballprofis?

Kind: Verträge sind einzuhalten. Das ist die Grundposition. In der Krise ist jedoch auch der Solidargedanke von Bedeutung, deshalb gehört es zur Verantwortung, die Spieler zu überzeugen, dass sie einen Anteil daran haben, die Finanzierung in dieser Situation sicherzustellen. Aber das ist nur das eine. Perspektivisch werden wir über Gehälter und Ablösesummen reden müssen. Das geht auch in Richtung Lizenzierung. Ich sage es ganz offen: Die Lizenzierung ist bei der DFL nicht richtig aufgehoben, sie gehört zentral an eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, damit wir reproduzierbare Strukturen verbessern.

Ist jetzt ein guter Zeitpunkt für Veränderungen?

Kind: Wir brauchen Zeit, denn es sind komplexe Fragestellungen. Aber wir haben nicht so viel Zeit, dass es Jahre dauern darf. Ich würde empfehlen, alles zeitnah zu diskutieren und zu entscheiden. Die Geschäftsführung der DFL und das Präsidium müssen Modelle vorschlagen, die die Gesellschafter - also die 36 Vereine der 1. und 2. Liga - dann diskutieren und entscheiden können.

Zum Abschluss: Glauben Sie, dass Rücksichtnahme, wie sie derzeit viele Menschen in der Coronazeit zeigen, danach weiter Bestand haben wird?

Kind: Gute Frage. Die Antwort ist umso schwieriger. Diese Krise hat uns vollkommen unvorbereitet mit einer Brutalität getroffen, die sich keiner vorstellen konnte. Unsere Gesellschaft hat sich schon vorher diffus entwickelt. Diese Entwicklung war kritisch, teilweise inakzeptabel. Wir brauchen wieder Orientierung, und ich hoffe, dass eine solche massive Krise bei allen wieder zu einem differenzierten Nachdenken führt und dass wir den Solidargedanken wieder beleben und positiv besetzen. Nur so kann eine Gesellschaft funktionieren.

Das Interview mit Martin Kind hat der Sender Sky mit Reporter Sven Töllner geführt. Wir sagen Danke für die Möglichkeit, das gesamte Interview zu veröffentlichen, das wir an einigen Stellen aktualisiert und ergänzt haben.

Die Interviewausschnitte und den Artikel von Sky findet Ihr hier.