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Heute vor 60 Jahren: 96 wird Deutscher Amateurmeister

Auf den Tag genau heute vor 60 Jahren wurde Hannover 96 zum ersten Mal Deutscher Amateurmeister – im Wiederholungsspiel gegen BV Osterfeld. Für Spieler wie den damals 19-jährigen Klaus Bohnsack war dieser Titel der Startschuss zu einer späteren Bundesligakarriere bei den Roten.

Drieselmann und der Ball
Nach dem Abpfiff war Kurt Drieselmann der Schnellste. Schiedsrichter Kurt Tschenscher hatte im Ludwig-Jahn-Stadion in Herford gerade das Endspiel zwischen Hannover 96 und dem BV Osterfeld abgepfiffen, da sprintete der 96-Spieler auch schon los. Sein Ziel war der weiße Endspielball, den Drieselmann unbedingt für die Siegesfeier haben wollte. Schließlich wird man nicht jeden Tag Deutscher Meister. Entschuldigung: Deutscher Amateurmeister.

Die beiden Finalspiele zwischen 96 und Osterfeld sorgten damals in Herford für eine tolle Kulisse.
Zahlreiche Zuschauer fieberten vor Ort mit.

96 ist Rekordmeister
Amateurmeister? Das war von den Fünfzigerjahren bis in die späten Neunziger ein vom Deutschen Fußball-Bund ausgetragener Wettbewerb unter Ausschluss von Profivereinen. Bremen 1860 hieß 1951 der erste Sieger, Tennis Borussia Berlin war 1998 der letzte Deutsche Amateurmeister. Danach verschwand der Wettbewerb von der Bildfläche, Versuche, ihn wiederzubeleben, blieben bis heute erfolglos. Hannover 96 verbinden mit dem Wettbewerb wunderbare Geschichten, denn gemeinsam mit dem SC Jülich 1910 sowie Werder Bremen ist Hannover 96 mit je drei Titeln der Rekordmeister. Titel Nummer 1 gelang den Roten heute vor 60 Jahren im Endspiel gegen BV Osterfeld. Das war jenes Finale, nach dessen Abpfiff sich Kurt Drieselmann auf die Jagd nach dem weißen Ball machte.

Zwei Spiele, 31.000 Zuschauer
9000 Zuschauer sahen am 29. Juni 1960 das Finale, genauer gesagt das Wiederholungsspiel. In der ersten Partie hatten sich die Amateure von 96 und Osterfeld, ein Stadtteil von Oberhausen, mit 1:1 getrennt. 22.000 Zuschauer sahen bei tropischer Hitze das Unentschieden, eine beachtliche Besucherzahl, genau wie die 9000 Fans im zweiten Spiel, das am frühen Nachmittag angepfiffen wurde.

Doppelschlag von Schmidtke
Die 96-Amateure hatten ihre Hausaufgaben nach dem ersten Duell, in dem sie sich sehr schwer taten, gemacht. Osterfeld begann auch im Wiederholungsspiel furios, aber diesmal stand die hannoversche Defensive um Torwart Helmut Isendahl. Neun Minuten vor der Pause sorgte 96-Außenläufer Horst Patzke für das 1:0. Ein Doppelschlag von Victor Schmidtke (64. und 68. Minute) sorgte für die Entscheidung, in der Radio-Live-Reportage lobte WDR-Reporter Kurt Brumme den Torschützen.

Das ist sie: unser Amateurmeistermannschaft von 1960

Brumme selbst ist übrigens eine Radio-Legende. Er erfand die "Bundesligakonferenz", unvergessen ist auch seine Hörfunkreportage des "Jahrhundertspiels", in dem Italien im Halbfinale der Weltmeisterschaft von 1970 in Mexiko Deutschland mit 4:3 nach Verlängerung besiegte.

Bohnsack bekommt Vertrag als Belohnung
Klaus Bohnsack war damals 19 Jahre jung, die Deutsche Amateurmeisterschaft war sein erster großer Titel. "An das Spiel in Herford habe ich keine großen Erinnerungen mehr", sagt Bohnsack, der am 21. Juli 80 Jahre alt wird. "Das liegt vor allem daran, dass ich mit 96 danach noch so viel erlebt und durchgemacht habe", sagt er heute, "da verblasst die eine oder andere Erinnerung."

Klaus Bohnsack wurde erst Amateurmeister und danach Bundesligaprofi bei den Roten – hier im Zweikampf mit dem 74er Weltmeister Jürgen Grabowski von Eintracht Frankfurt.

Klaus Bohnsack wurde ein Jahr später Vertragsspieler und stand 1964 in der Mannschaft, die mit Trainer Helmut Kronsbein mit einem 3:1 gegen Hessen Kassel den Aufstieg in die Bundesliga perfekt machte. Er bestritt anschließend 107 Bundesligaspiele für die Roten und spielte in seiner Profikarriere für keinen anderen Klub - heute sitzt er zuhause und schaut Sky, wenn 96 spielt. Auf den Titel von vor 60 Jahren ist er nach wie vor stolz, "das wäre doch auch komisch, wenn ich das nicht wäre", sagt Bohnsack.

"Kein Ball im Wohnzimmer"
Kurt Drieselmann, der Sprinter von damals, staunt ein wenig, als er die Geschichte von dem Finalball hört. "Oh Gott, das habe ich gemacht?", fragt er und lacht. "Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, aber wenn das erzählt wird, dann muss das so gewesen sein. Ich kann allerdings versichern: Bei mir im Wohnzimmer habe ich keinen Ball." Drieselmann hofft, dass es im nächsten Jahr, wenn es das Coronavirus zulässt, wieder ein Ehemaligentreffen bei Hannover 96 gibt. "Das war in der Vergangenheit immer eine tolle Sache." Und vielleicht lässt sich dann mit einigen Mitspielern von damals auch das Ballrätsel lösen.

Osterfelds steiler Abstieg
Die Amateure von Hannover 96 wurden noch zwei weitere Male Deutscher Amateurmeister, 1964 und 1965, jeweils im Finale gegen den SV Wiesbaden (2:1, 2:0). Zwei weitere Male stand 96 im Finale, verlor aber gegen Werder Bremen (1:5/1966) und STV Horst-Emscher (0:2/1967). Der erste Finalgegner BV Osterfeld schaffte den Sprung in die 2. Liga, die damals II. Division hieß, stieg aber 1961 gleich wieder ab und spielt heute in der Kreisliga B.
hr