NIEMALSALLEIN

Wie „der Walter“ beim 2:0 in Dortmund trifft

 

Heinz Steinwedel war dabei, vor 45 Jahren, als Kapitän im ersten 96-Bundesligaspiel. Er sitzt im Garten seines Hauses in Neustadt, schenkt den Gästen Kaffee ein, obwohl es dafür zu heiß ist. Routine am Nachmittag. Steinwedel erzählt oft von jenem wolkenlosen Tag am 22. August 1964 in Dortmund. Man hat nicht den Eindruck, dass er sich dabei langweilt. Er ist zwar kein blumiger Erzähler, aber das Thema fesselt ihn: die ersten 96-Tore in der Bundesliga. Er wundert sich offensichtlich immer noch über die erstaunlichsten fünf Minuten seiner ersten Bundesliga-Saison.In fünf Minuten

Das erste 96-Tor in der Bundesliga-Geschichte fiel tatsächlich aus heiterem Himmel. Torjäger Walter Rodekamp schoss den Ball in der 53. Minute aus abseitsverdächtiger Position flach ins Eck. 500 Fans aus Hannover konnten es kaum glauben, Dortmunder schwiegen erschrocken, weil die Gastgeber das Spiel so deutlich dominiert hatten. Es herrschte eine gespannte Stille in der Kampfbahn. Bis Rodekamp eine Flanke von Rechtsaußen Fred Heiser vom Elfmeterpunkt volley zum 2:0 ins Tor jagte (58.). Die Stimmung entlud sich. Steinwedel erinnert sich: „Die Dortmunder Anhänger haben sogar geklatscht.“ 96, willkommen in der Bundesliga!

„Sie waren der Favorit auf die Meisterschaft, und wir waren die Neulinge“, erzählt Steinwedel. „Wir haben hinten dicht gemacht, sie müde gelaufen, und nach der Pause schoss der Walter dann die Tore.“ Vor elf Jahren starb „der Walter“. Steinwedel sah sich als Rodekamps Kumpel, der ihn damals verteidigte, wenn Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein seinen besten Mann wieder einmal wegen einer Alkohol-Eskapade zur Rede stellte.

Steinwedel ärgert sich über Rodekamps sogenannte Freunde von früher, „die mit ihm die Biere getrunken und ihn dann auch noch verpfiffen haben“. Seine offen gelebte Alkoholkrankheit brachte Rodekamp schließlich langfristig um.

Rodekamp war 23 bei seinem Doppelschlag in Dortmund und auf der Höhe seines Schaffens. Das galt für viele Spieler der ersten Bundesliga-Mannschaft: für die Verteidiger Steinwedel und Otto Laszig ebenso wie für Mittelfeldmann Udo Nix. Völlig überraschend wurde Hannover in der ersten Bundesliga-Saison Fünfter. Ein herausragender Erfolg, der Verdienst nahm sich aber bescheiden aus. „Jeder bekam dasselbe“, erinnert sich Steinwedel. „1200 Mark Grundgehalt und 250 Mark pro Sieg.“

Mit einem Trick stockte Trainer Kronsbein das Gehalt auf – so wie nach dem Sieg in Dortmund. „Fiffi“ arrangierte ein Testspiel gegen eine Amateurmannschaft wenige Tage später – für den Sieg gabs weitere 250 Mark. „Also 500 Mark für den Auswärtssieg in Dortmund“, rechnet Steinwedel vor und lacht.

"Ausnahmetalent"

„Walter war ein Ausnahmetalent“, betont Steinwedel. Beide gehörten zu den Stützen der Mannschaft: Verteidiger Steinwedel vertrat die Vernunft, Rodekamp die Leidenschaft.

Auf der kompletten Rückfahrt nach dem 2:0 in Dortmund feierten die 500 hannoverschen Fans ihn, bis sie eine Minute vor Mitternacht in Hannover ankamen. Sie sangen seinen Namen: „Oh Rodekamp, oh Rodekamp, wie schön sind deine Tore.“ Das Lied singt so heute niemand mehr, aber leise klingt es noch – nach der Melodie von „Oh Tannenbaum“ – in solchen Momenten wie in Steinwedels Garten.

VON DIRK TIETENBERG

 

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