Fans, Klub

"Ich sehe das Spiel mit den Ohren"

Wirklich jedem sollte es möglich sein, die Atmosphäre während eines Fußballspiels hautnah im Stadion miterleben zu dürfen. Doch blind im Stadion – wie soll das gehen? Wie soll man denn wissen, was da auf dem Spielfeld abläuft? Warum schreien jetzt die Fans, wer hat gerade den Ball? Damit Menschen, trotz ihres Handicaps, in der HDI Arena alles mitbekommen, gibt es in Hannover die Sehbehindertenreporter!

Blind und 96-Fan – Kein Hindernis zum Jubeln in der Arena
Tobias hat auf seinem Sitz in Block O8 der HDI Arena Platz genommen. Im Stadion macht sich eine gespannte Stimmung breit, der Gegner ist die schwer einzuschätzende Mannschaft aus Ingolstadt. Die Reihen in der Arena füllen sich stetig mit gut gelaunten Fußball-Fans. Noch eine halbe Stunde bis Spielbeginn. Soweit wirkt die Szene absolut gewöhnlich – der junge Fußball-Fan wartet wie jeder andere Fan im Stadion mit Vorfreude aufs Spiel. Auf den zweiten Blick fällt jedoch auf, dass Tobias sich gar nicht das Aufwärmen der Profis oder die Show auf der Anzeigentafel ansieht. Und dies hat auch einen bestimmten Grund. Seit einer Netzhautablösung im Alter von zwölf Jahren ist der 96-Fan nämlich praktisch blind. Nur Hell- und Dunkel-Unterschiede sowie einige Umrisse kann er noch erkennen. Wer sich nun die Frage stellt, wie der junge 96-Fan das Spiel mitverfolgen will, ohne etwas davon zu sehen, der höre sich das folgende Beispiel an:

Für sehbehinderte Fans ein wichtiges Utensil: Der Kopfhörer

Die Sehbehindertenreporter
Der junge Fußballfan stöpselt einfach seine Kopfhörer in die Vorrichtung neben seines Sitzes ein und kann das Spiel live mitverfolgen. Es ist der Arbeit der freiwilligen Reporter zu verdanken, dass Menschen mit Sehbehinderung wie Tobias die Spiele von Hannover 96 im Stadion mitverfolgen können. An diesem Spieltag übernehmen Hannes Lampe und Martin Plass die Aufgabe, das Spielgeschehen so genau wie möglich ins Mikrofon zu reportieren, um über die Kopfhörer die Vorgänge auf dem Feld vor dem inneren Auge ihrer Zuhörer entstehen zu lassen. Die Beiden wechseln sich ungefähr alle zehn Minuten mit dem Berichten ab. Im Dialog schaffen sie ein interessantes und unterhaltsames Wechselspiel. Hannes, seit diesem Jahr im Team der Sehbehinderten-Reporter, muss bei seinen Spielen besonders stark darauf achten, nicht zu sehr den 96-Fan rauszulassen, um eine gewisse Neutralität zu bewahren.  Schon seit 16 Jahren verfolgt er die Spiele seiner Roten auf der Tribüne mit. Umso glücklicher ist er nun, seine Leidenschaft zum hannoverschen Sportverein mit seinem Hobby als Sport-Moderator verbinden zu können.

Martin, der älteste Sehbehinderten-Reporter des Teams, reist zu den 96-Spielen regelmäßig aus Berlin an. Der gebürtige Hannoveraner hatte zu Beginn seiner freiwilligen Arbeit Angst, während der Reportage des Spiels, in Fettnäpfchen zu treten. Man stelle sich nur vor, wie geläufig der Ausdruck "Blinder Schiri!" rausrutschen kann, und wie unvorteilhaft eine solche Bezeichnung bei tatsächlich Blinden ankommen könnte. Mitlerweile haben sich seine Befürchtungen aber aufgelöst. Vor dem Spiel stellt er mit einem zwinkernden Auge klar, dass viele sehbehinderte Fans noch deutlich derbere Ausdrücke benutzen würden.

Kopfhörer rein – Spiel an!
In den 15 Minuten vor Anpfiff bereiten die Reporter ihre Zuhörer mit Hintergrundinformationen und Statistiken auf das Spiel vor. Heute haben sich circa zehn Fans mit Kopfhörern versammelt, um den Reportern zu lauschen. Dann ist es endlich soweit, die Partie wird angepfiffen. Schließt man als ungeübter Zuhörer mal die Augen und lauscht den Worten der Reporter, ist es sehr schwierig dem Geschehen auf dem Platz zu folgen. Ungewohnt sind die vielen Ortsangaben und die Geschwindigkeit des Erzählens. Erst nach einiger Eingewöhnungszeit ist es möglich den Handlungen auf dem Platz zu folgen. Und schon nach vier Minuten gibt Marcelo den ersten fantastischen Grund zum Jubeln:

Martin Plass und Hannes Lampe bereiten ihre Zuhörer vor dem Spiel mit Infos auf die Begegnung vor.

Im Stadion mit Kopfhörern, auf dem Sofa mit Fernglas
Frank engagiert sich beim Verein für sehbehinderte Fußballfans, Sehhunde e.V.. Der Verein vertritt die Interessen und Belange der sehbehinderten Fans der norddeutschen Fußballclubs und bietet ihnen einen Treffpunkt zum Austausch und Gelegenheiten zu gemeinsamen Fußballspiel-Besuchen. Zu Hause kann der Fußballbegeisterte die Spiele der Bundesliga mithilfe eines Fernglases auf dem Fernseher verfolgen, die Kommentare der Moderatoren helfen ihm da oft nicht weiter. Zu wenig seien sie auf das Spiel ausgerichtet, viel mehr sprächen die meisten Kommentatoren über die Infos rund ums Spiel und Belanglosigkeiten, die den sehenden Zuschauer unterhalten sollen. Heute ist er allerdings im Stadion und kann sich mit den Reportern im Ohr nach nur 25. Minuten schon über das dritte Tor des Tages freuen:

Neue Anlage seit dieser Saison
Ganz bewusst sprechen Hannes und Martin nach dem Kopfball-Tor erst einmal nicht, denn die Fans sollen mit dem Stadion feiern, voll und ganz in die Stimmung und Euphorie eintauchen dürfen, ohne gestört zu werden. Die genaue Erklärung des Tores wird im Nachgang separat analysiert. Schon seit der Weltmeisterschaft 2006 gibt es den Service der Sehbehindertenreporter in Hannover. Und seit dieser Saison arbeiten die Reporter mit einer neue Anlage, die das Stadionerlebnis für die Sehbehinderte und Blinden nochmals verbessert hat.

Genaues Beschreiben der Situationen
Unter den Fans befindet sich heute auch Frank Deppenmeier. Vor 40 Jahren stand er zum ersten Mal in der Nordkurve der Roten. Als seine Augen über die Jahre immer schlechter wurden, tauschte er 1998 seinen Stehplatz gegen einen Sitz mit angeschlossener Station für Kopfhörer im Block O8 ein, um das Spiel mithilfe der Sehbehinderten-Reporter mitverfolgen zu können. Seitdem ist er während des Spiels viel konzentrierter, weil er immer den Worten der Reporter lauschen muss. Er selbst sagt: "Ich sehe das Spiel mit den Ohren." Deshalb ist für den 96-Fan die Qualität der Reportagen enorm wichtig. Die bedeutendsten Punkte eines guten Berichts sind: Verortung des Geschehens, Schnelligkeit und die Vermittlung vom Drumherum. Die Reporter sprechen nicht nur über das, was auf dem Feld passiert. Sie beschreiben auch die Reaktionen der Trainer, die Aufwärmspieler am Rand oder Choreographien der Fans. Lange muss Frank heute nicht warten, um das nächste Tor seiner Roten bejubeln zu dürfen. Schon fünf Minuten nach dem ersten Treffer legt Leon Andreasen mit dem Kopf nach:

Fans und Reporter sitzen gemeinsam im Block und verfolgen das Spiel.

Ein fantastischer Tag unter besten Bedingungen
Frank: "Das Schöne in Hannover ist die Nähe zu allen". Im Block O8 sitzen die Reporter und die sehbehinderten Fans zwischen allen anderen Fans. Dadurch kann man sich ständig austauschen, über das Spiel, die Technik oder die Erzählweise der Reporter. Die Möglichkeit ein direktes Feedback zu bekommen, ist auch für Reporter Martin sehr wichtig, denn nur durch Kritik der Zuhörer könne man als Sprecher besser werden. Als Uffe Bech dann in der 85. Minuten das vierte Tor für die 96er schießt, ist der Tag auch für den Reporter perfekt:

Ein perfektes Spiel
Fazit des Reporters: "Vier Tore für uns! Das macht das Reportieren natürlich einfach. Ein perfektes Spiel!". 96-Fan Frank ist auch begeistert von der Leistung seiner Roten. So eine Leistung hätte er schon lange nicht mehr von ihnen gesehen. Und der junge Tobias ist genauso überrascht wie alle anderen: "Das hätte doch wirklich keiner gedacht. Hannover 96 hat heute ein ganz großes Spiel abgeliefert". Dem kann sich die Redaktion von Hannover 96 nur anschließen und wünscht allen Fans und Reportern des Blocks O8 auch weiterhin viel Erfolg und Freude mit unseren Roten!