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Thomas Brdaric: Der Mann für besondere Fälle

In Teil eins unserer neuen Serie "Was macht eigentlich ...?" erzählt der frühere 96-Torjäger Thomas Brdaric, welche Erinnerungen er an seine Zeit in Hannover hat, wie er in Usbekistan seinen Fußballlehrer auf Russisch gemacht hat - und warum er als Trainer aus Mazedonien geflüchtet ist.

"Es war wie früher": Thomas Brdaric (Mitte) beim Abschiedsspiel von Per Mertesacker.

Vor dem Tor immer noch eiskalt
"Für einen kurzen Moment", sagt Thomas Brdaric, "stand am vergangenen Samstag die Zeit still." Es war der Moment, als sich Brdaric im Strafraum freilief, den Ball bekam und beim Abschiedsspiel von Per Mertesacker zum Ausgleich traf. Das Publikum in der HDI Arena jubelte, und Brdaric, der Vollblutstürmer, fühlte sich plötzlich wieder wie Anfang 30. "Es war", sagt er mit ein paar Tagen Abstand, "wie früher."

Wie früher, das heißt: Wie zwischen den Jahren 2003 und 2004 beziehungsweise 2005 und 2008, als Brdaric insgesamt 76-mal für Hannover 96 auf dem Platz stand und dabei 31-mal traf. Viele wichtige Tore habe er damals geschossen, betont Brdaric. "Das haben die Fans nicht vergessen." Und er, der in seiner Karriere mehr als einmal den Verein gewechselt hat, hat Hannover nie vergessen. "Ich hatte bei 96 eine wunderschöne Zeit und habe den Verein gelebt und geliebt", sagt Brdaric. "Ich erinnere mich noch an mein letztes Spiel für 96, als wäre es gestern gewesen."

Trainer oder Sportdirektor?
In Wahrheit ist es eher Vorvorgestern gewesen, und Brdaric, inzwischen 43 Jahre alt, hat seitdem eine ganze Menge erlebt. Er war Sportdirektor und Trainer in Weißrussland, führte einen usbekischen Klub bis ins Halbfinale der asiatischen Champions League und flüchtete aus Angst vor einem Bürgerkrieg aus Mazedonien. "Ich habe als Trainer keine einfachen Stationen gehabt", sagt Brdaric, "ich bin wohl eher der Mann für besondere Fälle."

Das trifft es ganz gut. Nach seinem verletzungsbedingten Karriereende 2008 (das Knie …) wird Brdaric zunächst Sportlicher Leiter und dann Trainer bei Union Solingen, einem Fünftligisten. Es folgen kurze Engagements im Nachwuchsbereich von Bayer Leverkusen und dem KFC Uerdingen, ehe er sich 2011 die Frage stellt: Will ich lieber Trainer sein? Oder doch lieber Sportdirektor? Da kommt ihm ein Angebot aus Weißrussland gerade recht.

Ausbildung auf Russisch
Der Spitzenklub Dinamo Minsk bietet ihm den Posten des Sportdirektors an, gleichzeitig kann Brdaric seine Ausbildung zum Fußballlehrer beginnen. Bereits ein paar Monate später, im Dezember 2011, zieht Brdaric weiter nach Usbekistan, wird Sportdirektor und Nachwuchstrainer bei Bunyodkor Taschkent und setzt seine Trainerausbildung fort – auf Russisch. Keine leichte Aufgabe, erinnert sich Brdaric, "aber ich wollte diesen Trainerschein unbedingt haben". Brdaric lernt die Sprache und besteht die Prüfung, zudem wird er mit dem Klub aus Taschkent Meister und Pokalsieger, in der asiatischen Champions League geht es bis ins Halbfinale. Richtig glücklich wird er in Usbekistan trotzdem nicht.

Brdaric bekommt Heimweh, möchte lieber zurück nach Europa. "Das Leben in Asien ist total anders, vor allem mit Familie", sagt der Vater von zwei Kindern. Im Sommer 2013 unterschreibt er beim ostdeutschen Viertligisten TSG Neustrelitz, arbeitet danach beim VfL Wolfsburg und beim TSV Steinbach – und übernimmt zur Rückrunde 2016/2017 den mazedonischen Erstligisten KF Shkëndija aus Tetovo.

Brdaric führt den Klub auf Platz zwei und ins nationale Pokalfinale, verlässt dann aber Hals über Kopf das Land, weil sich die politische Lage in Mazedonien zuspitzt. "Da haben von einem Tag auf den anderen alle Läden in Tetovo dichtgemacht", erinnert sich Brdaric. Er holt sich Rat bei Bekannten aus der Stadt. Sie empfehlen ihm, zu gehen.

Voller Einsatz: Thomas Brdaric (rechts) im 96-Trikot.

Rückkehr nach Deutschland
Brdaric kehrt zurück nach Deutschland, wird erst Trainer beim Oberligisten Tennis Borussia Berlin und dann, zu Beginn der Saison 2018/2019, Trainer beim thüringischen Viertligisten FC Rot-Weiß Erfurt. Wieder so ein besonderer Fall. "Der Klub ist im Sommer aus der dritten Liga abgestiegen, jetzt wollen wir diesen tollen Traditionsverein erst mal auf feste Beine stellen und dann wieder aufpolieren", sagt Brdaric, der mit seinem Klub schon an diesem Freitag wieder ran muss. Gegner ist Viktoria Berlin.

Das ist weit weg von der Bundesliga, aber die hat Brdaric natürlich trotzdem im Blick. Erst recht an diesem Wochenende, wenn mit Bayer Leverkusen und Hannover 96 zwei seiner Ex-Klubs aufeinandertreffen. Das Spiel wird er sich im TV anschauen, sagt Brdaric. Und wem wird er dabei die Daumen drücken? "Ach, keinem. Ich verhalte mich da lieber neutral", sagt Brdaric. Wer ihn am vergangenen Samstag beim Torjubel in Hannover gesehen hat, kann das eigentlich kaum glauben.
hop