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Der hannoversche Patient

Christian Pander stürmte mit 96 durch Europa, dann zwang ihn eine Verletzung nach der anderen zum Karriereende. Was Pander seitdem gemacht hat und warum er erst seit Kurzem wieder Fußballspiele anschaut, verrät er in Teil drei unserer Serie "Was macht eigentlich …?"

Keine Erinnerungen ans letzte Spiel
Christian Pander ist am vergangenen Wochenende nach London gejettet. In der britischen Hauptstadt trafen die Philadelphia Eagles auf die Jacksonville Jaguars, zwei Mannschaften aus der amerikanischen Footballliga NFL, und als Pander da so saß im ausverkauften Wembley-Stadion, sind ihm natürlich noch mal ein paar Gedanken an das wohl berühmteste Tor seines Lebens durch den Kopf geschossen.

Von 2011 bis 2015 in Hannover: Christian Pander

Im August 2007 traf Pander, damals 23 Jahre alt, für die deutsche Nationalmannschaft zum 2:1-Sieg gegen England. Am Morgen danach war sein Kunstschuss in allen großen Zeitungen abgedruckt, Bundestrainer Joachim Löw schwärmte vom beherzten Auftritt des jungen Linksverteidigers. Das Spiel in London hätte also der Beginn einer ganz großen Karriere werden können. Hätte. Denn es kam anders, und es spricht für sich, dass sich Christian Pander heute nicht mal mehr an sein letztes Bundesligaspiel erinnern kann, sehr wohl aber an seine letzte Trainingseinheit.

"Ich dachte: Das war's."
Die begann an einem Sonntagvormittag im Mai 2015 in Hannover. Und sie endete für Pander mit einer Verletzung, der letzten von vielen in seiner Karriere. Pander zog sich eine Innenbandzerrung am linken Knie zu. "Das war’s", dachte er gleich. "Mir war klar, dass das Knie einfach nicht mehr mitmachen würde." Pander war plötzlich Sportinvalide. Mit 31 Jahren. Was für ein beschissenes Ende.

Dabei hatte es so gut angefangen mit Pander und 96.

Im Sommer 2011 wechselt der gebürtige Münsteraner von den königsblauen Schalkern zu den Roten – auch wenn das so nicht geplant gewesen ist. Ein paar Monate zuvor hatte sich Pander mit Felix Magath, damals Trainer und Manager beim FC Schalke 04, noch auf einen neuen Dreijahresvertrag geeinigt. Doch erst verletzte sich Pander, dann flog Magath bei den Schalkern raus, "und am Ende konnte sich keiner mehr an eine Vertragsverlängerung erinnern", sagt Pander. Ein Glück. Denn: "Im Nachhinein muss ich sagen, dass mir die Luftveränderung gutgetan hat."

Wechsel nach Hannover
In Hannover kommt es zum Wiedersehen mit Trainer Mirko Slomka. Die beiden kennen sich noch aus gemeinsamen Schalker Zeiten, schätzen und respektieren sich. "Mirko wusste, wie er mit mir und meinen Knieproblemen umgehen musste und dass ich nicht jede Übung so mitmachen konnte wie ein Spieler mit gesunden Knien", sagt Pander. "Das heißt aber nicht, dass ich mich vor dem Training gedrückt habe. Ich war topfit in Hannover."

Das beweist er auf dem Platz. Pander ist vom ersten Tag an Stammspieler und Publikumsliebling. In seiner ersten Saison für die Roten macht er 44 Pflichtspiele – mehr als jemals zuvor. "Es lief richtig gut", sagt Pander. Nicht nur für ihn persönlich, sondern auch für die Mannschaft. 96 stürmt in der Europa League bis ins Viertelfinale, wird dort vom späteren Titelgewinner Atlético Madrid gestoppt. In der Bundesliga landen die Roten auf Platz sieben und qualifizieren sich somit erneut für den Europapokal. Auch in seiner zweiten Saison bei 96, 2012/2013, gehört Pander zu den Leistungsträgern, macht verletzungsbedingt aber schon deutlich weniger Spiele als noch im Jahr zuvor.

Die "unschöne Zeit" beginnt
Dann beginnt die "unschöne Zeit in Hannover", so Pander. Adduktorenbeschwerden, Bänderverletzung, Oberschenkelprobleme, Innenbanddehnung im Knie, Kapselverletzung und und und. Der Außenverteidiger sitzt häufiger in der Arztpraxis als in der Mannschaftskabine, bestreitet sowohl 2013/2014 als auch 2014/2015 nur acht Bundesligaspiele. Das letzte im Februar 2015, beim 1:1 gegen den 1. FC Köln. Im Sommer 2015, nach besagter Knieverletzung im Training, lässt 96 den Vertrag auslaufen. Pander packt seine Sachen und zieht zurück nach Münster. "Es ist schade, dass die Zeit in Hannover so zu Ende gegangen ist", sagt er, "ich hatte eine schöne Zeit dort."

Nach dem Aus in Hannover startet Pander einen letzten Versuch, seine Karriere fortzusetzen. Er lässt sich ein sechstes Mal am Knie operieren, geht in die Reha – und gibt im Sommer 2016 entnervt auf. "Ich musste feststellen, dass es nicht mehr geht", sagt Pander. Mit dem Fußball will er danach nichts mehr zu tun haben. Er guckt keine Spiele, liest keine Artikel in der Zeitung. "Ich brauchte Abstand von dem ganzen Wahnsinn", sagt Pander, "Abstand, um das Kapitel Bundesliga nach all den Enttäuschungen zum Ende meiner Karriere endgültig abschließen zu können."

Abschied aus Hannover: Christian Pander (Zweiter von rechts) im Sommer 2015 mit 96-Klubchef Martin Kind (Zweiter von links)

Studium und Kind
Und um ein neues Kapitel zu beginnen. Pander holt sich Rat bei der Berufsgenossenschaft und startet ein Sportmanagement-Studium an der International School of Düsseldorf. Mittlerweile ist er fast durch, die Abschlussprüfung ist in wenigen Tagen. Und was kommt dann? "Das weiß ich noch nicht so genau", sagt Pander, der im vergangenen Jahr zum zweiten Mal Papa geworden ist und jede freie Minute mit seiner Frau und seiner Tochter genießt. "Beruflich befinde ich mich noch in der Findungsphase", sagt er. Einen Job als Jugendtrainer könne er sich gut vorstellen. "Das ist bestimmt ganz cool."

Also treibt er seine Trainerkarriere voran. Für den B-Lizenz-Lehrgang an der Sportschule Kaiserau Anfang 2019 hat er sich bereits angemeldet, ebenso für die Elite-Jugend-Lizenz ein paar Monate später. Natürlich sei ihm bewusst, sagt Pander, dass es in Deutschland viele Bewerber um wenige bezahlte Trainerstellen gebe. "Ich bin da Realist. Aber ich glaube, dass ich mit meiner Erfahrung einiges bewirken könnte. Ich habe am eigenen Körper erfahren, dass das Fußballerleben endlich ist. Das muss jedem Jungen bewusst sein, der den Traum von der Bundesliga verfolgt."

Tipp für das Spiel am Wochenende
Apropos: Den Profifußball verfolgt Pander inzwischen wieder aufmerksam. "Ich bin jetzt wieder fleißiger Bundesligagucker", sagt er, "und natürlich interessiert mich besonders, wie es bei meinen beiden Ex-Klubs Schalke und Hannover läuft. Da macht es besonders viel Spaß, mitzufiebern." Und wem drückt er dann am Samstag die Daumen, wenn beide Ex-Klubs in der Arena auf Schalke aufeinandertreffen? "Das ist eine gemeine Frage", sagt Pander und lacht. "Ich bin ganz ehrlich: Mein Herz hängt ein bisschen mehr an Schalke, weil ich dort zehn Jahre gespielt habe und dort zum Nationalspieler wurde. Aber in der momentanen Lage glaube ich, dass das Spiel 0:0 ausgeht. Damit kann 96 bestimmt ganz gut leben."
hop