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Daniel Haas, der Spätstarter

Im 96-Trikot hat Daniel Haas sein erstes Bundesligaspiel bestritten, in Hoffenheim später den Durchbruch geschafft. Vor dem Duell seiner beiden Ex-Klubs blickt der 35-Jährige auf seine Zeit bei den Roten zurück - und verrät, was er für die Zukunft plant. In Teil zehn unserer Serie "Was macht eigentlich ...?"

Ganz entspannt: Daniel Haas beim 96-Training im April 2003.

Vize-Europameister 2002
Es lagen bloß ein paar Wochen zwischen Weltklasse und Niedersachsenliga. Ende Juli 2002 hatte Daniel Haas mit der deutschen U19-Nationalmannschaft das EM-Finale erreicht. Er hatte an der Seite von Philipp Lahm gespielt und beim 0:1 gegen das spanische Ausnahmeteam um Andres Iniesta, José Antonio Reyes und Fernando Torres eine überzeugende Leistung geboten. Bei Hannover 96 aber musste er sich nach dem Turnier wieder hinten anstellen. Haas sollte das Tor der zweiten Mannschaften hüten, in der fünften Liga, gegen Amateurklubs aus Lohne, Rehden und Aurich. Hätte er nicht eigentlich viel höhere Ansprüche stellen müssen?

Daniel Haas schmunzelt, als ihm die Frage gestellt wird. "Das war halt eine andere Zeit", sagt er, "damals galt noch, dass ein guter Bundesligatorwart mindestens 30 Jahre alt sein muss." Haas aber war nicht mal 19, als er im Sommer 2002 von Eintracht Frankfurt zu den Roten kam. 96-Trainer Ralf Rangnick hatte ihn als Nummer vier im Tor eingeplant, hinter Jörg Sievers, Gerhard Tremmel und Timo Ochs.

Aufstieg in die Oberliga
Für Haas hieß das, dass er unter der Woche mit den Bundesligaprofis trainierte, am Wochenende aber bei den Amateuren spielte. "Und das war völlig in Ordnung für mich", sagt Haas, zumal er anfangs in Hannover noch mit ganz anderen Sachen beschäftigt war als nur mit Fußball spielen. Der Teenager war das erste Mal getrennt von seiner Familie, bezog seine erste eigene Wohnung, erlebte eine aufregende Zeit. Und sportlich lief es ja auch ganz ordentlich, wenn auch nur im unterklassigen Fußball. Haas war die klare Nummer eins in der Reserve, schaffte mit der Mannschaft gleich im ersten Jahr den Aufstieg in die Oberliga. "Wir hatten ein cooles Team", sagt Haas, "mit einigen Mitspielern bin ich bis heute befreundet."

Überhaupt sei es eine "sehr, sehr schöne Zeit" in Hannover gewesen, sagt Haas. Vielleicht etwas zu schön. "Vielleicht hätte ich mehr Biss zeigen sollen, ein paar Extraschichten machen sollen." Vielleicht wäre er dann irgendwann die Nummer eins bei den Profis geworden. So aber kam er nur zu einem einzigen Bundesligaeinsatz für Hannover. Am letzten Spieltag der Saison 2003/2004 wurde Haas zur zweiten Halbzeit eingewechselt, weil sich Stammkeeper Marc Ziegler verletzt hatte. "Dieses Spiel werde ich nie vergessen", sagt Haas, "ich habe mich jedes Mal, wenn ich danach in Bochum gewesen bin, wieder an dieses erste Spiel erinnert."

Wechsel nach Hoffenheim
Haas war also immerhin schon zur Nummer zwei im teaminternen Torwartranking aufgestiegen - aber er wollte mehr. Haas wollte spielen. Also ließ er sich im Sommer 2005 für zwei Jahre an den damals noch recht unbekannten Drittligisten 1899 Hoffenheim ausleihen. "Ich musste erst mal auf der Karte gucken, wo das liegt", sagt Haas. "Aber ich habe schnell gemerkt, dass da richtig was entsteht."

"Man denkt: War's das jetzt mit dem Profifußball?"

Es begannen die "wechselhaften Jahre" in der Karriere des Daniel Haas. Trainer kamen und gingen, und Haas hatte seinen Platz mal im Tor, mal auf der Bank - und manchmal sogar nur auf der Tribüne. Rangnick zum Beispiel, der im Sommer 2006 übernahm, strich den Keeper erst aus dem Kader - und machte ihn dann, Mitten in der Saison, zur Nummer eins. Ein Jahr später, in der zweiten Liga, wiederholte sich das Spielchen, diesmal jedoch mit umgekehrten Vorzeichen: Haas, der inzwischen fest von den Hoffenheimern verpflichtet worden war, hütete in der gesamten Hinrunde 2007/2008 das Tor - und wurde im Winter durch Ramazan Özkan ersetzt. "Ich habe mich immer gefragt, warum es so extrem hin- und herging", sagt Haas, "ich habe nie eine Erklärung erhalten."

Herbstmeister 2008/2009
Haas musste also zuschauen, wie Hoffenheim der Durchmarsch in die erste Liga gelang - und dachte daran, den Verein zu verlassen. "Das war keine leichte Phase", sagt Haas, "aber letztlich habe ich beschlossen, dass ich mich in Hoffenheim durchsetzen will." Es sollte die richtige Entscheidung sein, wie sich schon im Sommer 2008 zeigte. Da setzte Ranglich plötzlich wieder auf Haas, ließ ihn in der gesamten Hinrunde im Tor stehen. Hoffenheim gewann als Aufsteiger völlig überraschend die Herbstmeisterschaft - und holte im Winter Timo Hildebrand aus Valencia. Haas war wieder mal außen vor. Und diesmal sollte es kein Zurück geben.

Hoffenheim setzte erst auf Hildebrand, danach auf Tom Starke. Haas kam nur noch sporadisch zum Einsatz. "Mir war klar, dass ich an Tom nicht vorbeikomme", sagt Haas. Zur Saison 2012/2013 unterschrieb er einen Vertrag beim Zweitligisten 1. FC Union Berlin - und fand, mit 29 Jahren, endlich, wonach er so lange gesucht hatte. Haas war die klare Nummer eins, zumindest die ersten dreieinhalb Jahre lang, und es machte ihm richtig Spaß, für die Unioner im Kasten zu stehen. "Die Fans sind verrückt, die geben ihr letztes Hemd für den Verein", sagt er, "ich hatte eine geile Zeit dort."

Im Sommer 2016 vereinslos
Haas hatte nicht nur sportlich eine neue Heimat gefunden, sondern auch privat. Er zog mit seiner Frau Corinna, die er in Hannover kennengelernt hatte, und der gemeinsamen Tochter in einen Vorort in Brandenburg, kurz darauf kam der gemeinsame Sohn zur Welt. "Wir fühlen uns dort sehr wohl", sagt Haas, "und wir wollen hier auch weiterhin leben." Dabei spielt Haas inzwischen gar nicht mehr bei Union. Im Sommer 2016 ist sein Vertrag ausgelaufen, danach ist der Schlussmann zunächst für ein paar Monate vereinslos gewesen. "Der Juli ging rum, der August, der September - da bin ich schon ein bisschen nervös geworden", erinnert sich Haas, "da bekommt man plötzlich Existenzängste und denkt: War's das jetzt mit dem Profifußball?"

Die Frage war ja berechtigt. Haas war damals 33 Jahre alt, hatte seit Monaten keine Spielpraxis mehr erhalten. Auch, aber nicht nur deshalb hat er parallel die Karriere nach der Karriere vorangetrieben. Er hat eine Ausbildung zum Fitnesstrainer begonnen und möchte später mal in diesem Bereich arbeiten, gerne auch bei einem Profiklub.

"Ich fühle mich fitter als mit 20"
Aber das ist noch Zukunftsmusik. Seit Oktober 2016 steht Haas bei Erzgebirge Aue unter Vertrag. Der Zweitligist hatte nach der schweren Verletzung von Stammkeeper Martin Männel einen erfahrenen Ersatz gesucht - und im vereinslosen Haas gefunden. Heute, knapp zweieinhalb Jahre später, ist Haas zwar nur noch Ersatzmann. Aber mit der Rolle kommt er nun, im Alter von 35 Jahren, deutlich besser klar als früher. "Ich möchte einfach noch ein bisschen Fußball spielen", sagt er. Wie lange noch, weiß er selbst nicht so richtig. "Ich fühle mich jetzt fitter als mit 20", sagt er. "Also mache ich weiter, solange die Knochen halten."
hop