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Absteigen ist ein ekliges Gefühl

Absteigen tut verdammt weh. Egal, an welchem Spieltag und besonders, wenn man selbst überzeugend gewonnen hat. Hannover 96 muss die 1. Liga verlassen. Mit einmal schlafen verliert dieser Satz nicht seine bittere Wucht. So viele Gedanken schwirren uns im Kopf herum, so viele Emotionen und Fragen, ohne dass wir alle Antworten kennen. Das alles - die Gefühle und was sie mit uns und vielleicht auch mit Euch machen - haben wir aufgeschrieben.

Eine Einheit: Spieler und Fans nach dem Spiel gegen Freiburg am Samstag.

Alles nur ein schlimmer Traum?
Also noch eine Partie Bundesliga. Kommenden Samstag in der Merkur Spielarena bei Fortuna Düsseldorf, danach geht es runter in die 2. Liga. Seit Samstag um 17.19 Uhr helfen auch keine Wunder mehr. Kein Daumendrücken. Keine Hoffnung, dass es sich dieses fiese Abstiegsgespenst, das sich offenbar eine Rückrundendauerkarte bei uns gekauft hatte, doch noch mal anders überlegt. Dass diese ganze Saison vielleicht nur ein schlimmer Albtraum war und man morgens aufwacht und 96 auf Tabellenplatz zehn steht. Hätte ja sein können. Ist es aber leider nicht.

Wir steigen ab. Oder wie es die Agenturen in ihrer kühlen Sachlichkeit notiert haben: Hannover 96 steht nach dem 33. Spieltag der Fußball-Bundesligasaison 2018/19 als Absteiger fest.

Absteigen ist doof
"Absteigen ist ein ekliges Gefühl." Dieser Satz eines Trainers, gesagt vor vielen Jahren, als Fernsehsender mit ihren Kameras noch nicht direkt nach dem Abpfiff Position am Spielfeldrand bezogen, um Stimmen und Stimmungen einzufangen, fasst die Sache trefflich zusammen. Absteigen ist doof. Absteigen tut verdammt weh, erst recht, wenn man 90 Minuten vorher klasse gespielt und 3:0 gewonnen hat. Und dabei spielt es keine Rolle, ob es einen Verein zum ersten Mal erwischt oder ob man mit dem Abstieg eine gewisse Erfahrung besitzt und zum sechsten Mal runter muss.

Wir sind 1974 das erste Mal aus der Bundesliga abgestiegen, danach wieder 1976, 1986, 1989 und 2016. Jeder Abstieg ist anders. Aber jeder Abstieg ist – genau – ein ekliges Gefühl. Wer, wie wir, im Jubiläumsjahr 1996 sogar in die 3. Liga abgerutscht ist, den sollte eigentlich nichts erschüttern. Doch dadurch fühlt sich der Abstieg 2019 auch nicht besser an.

Was wäre wenn ...?
Macht es einen Unterschied, wenn der Abstieg überraschend am letzten Spieltag kommt, nachdem man sich lange Zeit in Sicherheit gewähnt hatte? Oder wenn es sich irgendwie früh abgezeichnet hat in einer Saison, in der wir bereits am sechsten Spieltag nach dem 1:4 in Frankfurt das erste Mal auf den letzten Platz gerutscht waren? Schwer zu sagen. Am Ende ist es egal, ob man mit Drama und Tränen absteigt oder mit Anlauf, weil das Ergebnis das Gleiche ist. Der Abstieg 2016 war nach dem 31. Spieltag besiegelt, jetzt ist es am vorletzten Spieltag passiert. Keine weitere Woche mehr mit Rechenspielen, wie es doch noch klappen könnte mit der Relegation. Keine Hoffnung mehr, sondern bittere Klarheit.

Es gibt so viele Gedanken, die in diesem Moment durch den Kopf schwirren. Wie wäre diese Saison verlaufen, wenn Timo Hübers, Noah Joel Sarenren Bazee, Edgar Prib, Linton Maina, Niclas Füllkrug, Ihlas Bebou und Kevin Akpoguma nicht so lange durch ihre Verletzungen ausgefallen wären? Würden wir dann vielleicht als Tabellenzwölfter ins letzte Saisonspiel gehen? Keine Mannschaft wird in einer Saison von Verletzungen verschont, aber das Gefühl, ein bisschen heftiger als andere erwischt worden zu sein, bleibt beharrlich hängen.

Nur 21 Punkte nach 33 Spieltagen
Ja, ja, ja. Wir haben 21 Punkte nach 33 Spieltagen. Wir haben nur fünf Spiele gewonnen und hätten das rettende Ufer eigentlich schon lange, lange nur noch mit dem Fernglas sehen dürfen. Wir können uns nicht beschweren, höchstens ärgern über uns selbst. Obwohl … Also …

Wir haben zum Anfang einen schweren Rucksack auf die Schultern gepackt bekommen. Nur zwei Heimspiele an den ersten sechs Spieltagen. Natürlich hat sich das in der Rückrunde umgedreht, kein Verein hat weniger Heimspiele als andere. Aber jeder weiß, wie wichtig ein guter Start ist und welchen Rückenwind ein Heimpublikum geben kann. Und überhaupt. Sorry, absteigen macht trotzig.

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle
Wir haben schlechte Leistungen gezeigt. In Frankfurt, in Hoffenheim oder in Stuttgart. Wir haben in zu vielen Spielen zu viele Abwehrfehler gemacht oder waren vorne zu oft zu harmlos, manchmal auch beides zusammen. Wir haben gute Leistungen gezeigt, uns aber nicht dafür belohnt. Wir hatten fast alles im Angebot und sind in dieser Saison in jede Achterbahn eingestiegen. Wie gerne würden wir das eine oder andere Spiel für ein paar Sekunden zurückspulen, um die Handlung minimal zu verändern.

Gehen wir noch einmal in Gedanken in die Schlussphase des Spiels in Leipzig, als Miiko Albornoz uns in der 65. Minute auf 2:3 heranbringt und der künftige Champions-League-Teilnehmer wankt, aber immer ein Fuß oder eine Torwarthand im Weg ist. Doch – Zoooom, einmal zurückspulen – diesmal geht der Ball in unserer Schlussphase zum 3:3 über die Linie.

Der Elfmeterpfiff von Mainz
Das Spiel in Leverkusen pfeifen wir in der dritten Minute der Nachspielzeit ab, dann kann dieser Bellarabi nicht ein letztes Mal in den Strafraumraum eindringen und den Ball zum 2:2 in den Winkel zirkeln. Zoooom, Bellarabi bleibt an Anton hängen, Abpfiff, Auswärtssieg beim Auswärtsangstgegner.

Wir bitten den Videoschiedsrichter beim Hinspiel in Mainz, sich die Szene vor dem Elfmeterpfiff in der 86. Minute anzuschauen. Dann sieht er, dass da gar kein Foul war, der Elfmeter wird zurückgenommen - und fertig ist der nächste Auswärtssieg.

Der Ball im Schnee
Und diesen Schnee, der dafür gesorgt hat, dass der Ball von Genki Haraguchi beim Rückspiel gegen Leverkusen kurz vor der Torlinie liegenbleibt, den schaufeln wir schnell weg und haben am Ende genau wie die Gäste drei Tore auf unserer Habenseite. An dieser Stelle würde sich vermutlich Lothar Matthäus ungeduldig zu Wort melden und "Wäre, wäre, Fahrradkette" rufen. Hast ja Recht, Loddar! Aber Du weißt ja, dass Kleinigkeiten Großes verändern können.

Und nun? Wir werden versuchen, das letzte Spiel in Düsseldorf zu gewinnen. Und nicht Letzter zu werden. Und danach fangen wir neu an. Eine Etage tiefer. Mit neuem Mut und Schwung, mit Respekt vor den Gegnern in der 2. Liga und dem Selbstbewusstsein, dass wir in die 1. Liga gehören und dorthin zurückwollen. Dieser Verein und seine Mitarbeiter haben Kraft. Wir wissen, dass "#NiemalsAllein" bei 96 mehr ist als ein Schlagwort. Denn auch diese Saison hat gezeigt, dass wir uns auf die Menschen in der Stadt und Region verlassen können. Dass sie mal schimpfen, auch mal trotz Karte nicht ins Stadion gehen (um dann doch vor dem Fernsehgerät oder dem Radio mitzufiebern), aber dass so eine "alte Liebe" eben nicht rostet, sondern bleibt. 96 sei vielen Hannoveranern egal, stand gestern in einer Zeitung. Nein, das stimmt nicht, und wer nach dem Abpfiff gegen Freiburg noch ein paar Minuten im Stadion geblieben ist, der hat das gesehen, gehört und gefühlt.

Der nächste Berg wartet
Wer einen hohen Berg besteigt, muss sich danach an den Abstieg machen, um wieder nach Hause zu kommen. Das ist ein schönes Bild, weil es dem Wort Abstieg eine andere Bedeutung verleiht. Das Zuhause steht für das Rückbesinnen auf das, was Hannover 96 ausmacht. Es ist schön, nach Hause zu kommen. Abstiege sind anstrengend, aber danach wartet der nächste Berg und mit ihm die Lust, ihn zu erobern.

Wir sehen uns wieder, SC Freiburg! In der 1. Liga. Ganz bestimmt.
hr