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Wie Ricardo Moar einst Fredi Bobic zu 96 holte...

Von 2002 bis 2004 war Ricardo Moar Manager bei Hannover 96 - Stadt und Klub liegen ihm seitdem am Herzen. Zum Auftakt unserer neuen Interview-Reihe, in der ehemalige Verantwortliche der Roten exklusive Einblicke in ihre Arbeit geben, spricht der Spanier über seine Zeit in Hannover, die Zusammenarbeit mit Trainer Ralf Rangnick - und verrät, warum er trotz seiner Entlassung noch immer im regelmäßigen Austausch mit Geschäftsführer Martin Kind steht.

Sommer 2002 in Hannover: Der damalige 96-Manager Ricardo Moar (rechts) und Trainer Ralf Rangnick (links) präsentieren Neuzugang Fredi Bobic.

Herr Moar, Sie sind erst kürzlich wieder zu Besuch in Hannover gewesen. Was führt Sie immer wieder in die Stadt?

Ricardo Moar (66): Das Herz. Ich habe mich während meiner Zeit als Manager bei Hannover 96 in die Stadt und den Klub verliebt. Außerdem habe ich bis heute eine ganz besondere Beziehung zu Martin Kind. Wir tauschen uns regelmäßig aus.

Sie sagen, Sie haben sich in die Stadt verliebt. Was genau hat Ihnen so gut an Hannover gefallen?

Moar: Es ist diese Mischung aus großer und kleiner Stadt. Hannover hat viele Einwohner und bietet alles, was eine Großstadt auszeichnet. Trotzdem ist drum herum alles grün. Das ist für meine Frau und mich damals etwas ganz Neues gewesen. In meiner Heimatstadt La Coruña ist alles voller Beton, da steht fast kein Baum. (lacht)

Sie sind Manager beim spanischen Topklub Deportivo La Coruña gewesen, haben den Meistertitel gewonnen und Weltklassespieler wie Rivaldo und Roy Makaay entdeckt. Dennoch sind Sie im Sommer 2002 nach Hannover gewechselt. Warum eigentlich?

Moar: Das hat Martin Kind auch nie verstanden. (lacht) Er fragte mich damals: "Herr Moar, warum kommen Sie von einem Champions-League-Klub zu einem Bundesliga-Aufsteiger?"

Und, was haben Sie ihm geantwortet?

Moar: Ich habe damals eine neue Herausforderung gesucht. Ich hatte in Spanien gutes Geld verdient und Erfolge gefeiert – aber ich hatte schon als Profi diesen Traum, eines Tages nach Deutschland zurückzukehren …

… weil Sie als Sohn spanischer Gastarbeiter elf Jahre lang in Lippstadt gelebt haben?

Moar: Genau. Ich habe als Kind eine sehr schöne, eine sehr freie Zeit in Deutschland gehabt. Das hat bei meiner Entscheidung, nach Hannover zu gehen, geholfen. Als das Angebot aus Hannover kam, habe ich zu meiner Frau gesagt: Elena, das ist eine einmalige Chance, und das werden wir nie vergessen. Elena hat sich anfangs nicht so wohlgefühlt, sie sprach auch kein Deutsch, aber mit der Zeit ist es immer besser geworden. Und meine früheren Freunde aus Lippstadt waren natürlich völlig aus dem Häuschen, als sie von meinem Wechsel zu 96 hörten. Einmal bin ich zu Herrn Kind gegangen und habe ihn um 25 Tickets für meine Freunde gebeten. Er meinte nur: "Herr Moar, was ist denn mit Ihnen los?" Aber er hat es möglich gemacht.

Wie waren die Arbeitsbedingungen damals in Hannover? Der Klub war ja nach etlichen Jahren in der zweiten und dritten Liga gerade erst in die Bundesliga aufgestiegen.

Moar: Die Bedingungen waren damals schon sehr gut, besser als bei Deportivo. Ich war positiv überrascht von der Infrastruktur und der tollen Organisation und dachte sofort: Hier bin ich in guten Händen, das könnte funktionieren. Herr Kind hat bei Hannover 96 tolle Strukturen geschaffen, auch mit der Akademie, die er mir vor ein paar Monaten gezeigt hat. Besser geht es nicht. Es ist wirklich der Wahnsinn, wie der Klub bis heute gewachsen ist.

Trainer bei den Roten war damals Ralf Rangnick. Wie lief die Zusammenarbeit mit ihm?

Moar: Ralf ist ein Gewinner-Typ. Er wusste, dass ich in Spanien Erfolg hatte – also hat er mir sein Vertrauen geschenkt und ich ihm meines. Er hat einen unfassbar guten Job in Hannover gemacht und eine tolle Mannschaft mit vielen jungen Spielern aufgebaut. Ich hätte mir damals gut vorstellen können, noch viele Jahre mit ihm zusammenzuarbeiten. Leider haben irgendwann die sportlichen Ergebnisse nicht mehr gestimmt …

… was irgendwann zur Trennung führte. Bleiben wir aber zunächst bei Ihrer Anfangszeit in Hannover. Viele 96-Fans denken noch immer gern an die Mannschaft von damals zurück, mit Steven Cherundolo, Altin Lala, Jiri Kaufmann und und und.

Moar: Das war wirklich eine tolle Mannschaft. Die ist damals durch die zweite Liga geflogen. Als dann die neue Saison in der ersten Liga begann, spielte sie immer noch gut, holte aber keine Punkte. Es war deutlich zu sehen, dass dieses unerfahrene Team ein paar gestandene Spieler brauchte, die Verantwortung übernehmen – auf und neben dem Platz.

Also holten Sie im Sommer 2002 kurz vor Transferschluss Fredi Bobic, Gheorghe Popescu und Jaime.

Moar: Genau. Und das hat super funktioniert. Die drei haben sofort Verantwortung übernommen. Fredi vorne, Gheorghe in der Abwehr und Jaime im Mittelfeld. Wie gesagt: Der Kader war wirklich gut, es hat bloß diese drei Spieler gebraucht, um für mehr Stabilität zu sorgen.

"Ich bin nicht der liebe Gott."

Popescu ist mit dem FC Barcelona und Galatasaray Istanbul jeweils Europapokalsieger geworden. Jaime hat mit Real Madrid die Champions League gewonnen. Bobic ist Europameister gewesen. Wie haben Sie diese Spieler von einem Wechsel zum Aufsteiger aus Hannover überzeugt?

Moar: Manchmal muss man einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Wir hatten das Glück, dass diese Spieler zu diesem Zeitpunkt verfügbar waren. Jaime kannte ich noch aus meiner Zeit in La Coruña. Er wollte spielen, hatte aber starke Konkurrenz auf seiner Position. Ein toller Fußballer. Wenn er seine Pässe schlug, ging ein bewunderndes Raunen durchs Stadion in Hannover. Popescu war gerade erst aus Italien nach Rumänien zurückgekehrt, fühlte sich dort aber nicht wohl. Und Fredi saß in Dortmund auf der Bank, war unzufrieden.

Über Fredi Bobic hieß es damals vor dem Wechsel nach Hannover, dass sein Körper keine Topleistungen mehr zulassen würde.

Moar: Das hatte ich auch gehört. Also rief ich ihn an und fragte: Fredi, man sagt, dass dein Rücken kaputt ist und dass du praktisch nicht trainierst, stimmt das? Er antwortete: "Herr Moar, ich trainiere zwei-, dreimal die Woche. Und wenn ich meine Übungen mache, ist der Rücken kein Problem. Ich will einfach wieder spielen." Also habe ich ihn geholt. Und dann hat er uns zum Klassenerhalt geschossen.

Es gab auch Transfers, die nicht so erfolgreich waren. So kamen zum Beispiel die Spanier Fernando und Jose Manuel ebenfalls aus La Coruña nach Hannover – spielten aber keine Rolle.

Moar: Ich dachte wirklich, dass das mit den beiden klappen würde. Aber ich habe mich leider geirrt. Die beiden haben sich von Beginn an schwergetan und schnell hängen lassen. Das hat mich wirklich geärgert. Also haben wir uns schnell wieder von ihnen getrennt. Ich bin nicht der liebe Gott. Ich liege auch nicht jedes Mal richtig. Aber ich würde sagen, dass ich eine ganz gute Trefferquote hatte … (lacht) Das Gute ist: Herr Kind hat sich nie in die Transfers eingemischt. Er hat die Finanzen kontrolliert, aber ansonsten hat er mich arbeiten lassen. Das habe ich sehr geschätzt. Das hieß aber auch: Wenn du Mist gebaut hast, musstest du dafür geradestehen. Und er hat sich nie gescheut, unangenehme Entscheidungen zu treffen.

Das haben Sie im Sommer 2004 zu spüren bekommen, als es zur einvernehmlichen Trennung kam.

Moar: Wir waren damals alle enttäuscht über die Saison 2003/04, auch wenn es am Ende zum Klassenerhalt reichte. Herr Kind war wohl der Meinung, dass es an der Zeit war, etwas zu ändern. Das war okay. Das habe ich akzeptiert.

Was haben Sie nach Ihrem Abschied aus Hannover gemacht?

Moar: Ich bin zurück zu Deportivo gegangen und habe dort als Manager gearbeitet. Irgendwann fehlte mir dort aber die sportliche Perspektive. Also habe ich gekündigt und bin nach Italien gewechselt. Ich bin in beratender Funktion für Giampaolo Pozzo tätig gewesen, der zu der Zeit mit Udinese Calcio in Italien, dem FC Granada in Spanien und dem FC Watford in England drei Klubs geführt hat. Das sind fünf tolle Jahre gewesen. 

Nach einem weiteren Intermezzo in La Coruña sind Sie inzwischen bei Eintracht Frankfurt gelandet. Was machen Sie dort?

Moar: Ich bin Scout und kümmere mich vor allem um den spanischen Markt. Frankfurts Chefscout Ben Manga hatte mir ein Angebot gemacht, und Fredi Bobic (mittlerweile Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt; Anm. d. Red.) kannte mich ja auch noch.

Können Sie sich vorstellen, dauerhaft in Deutschland zu arbeiten?

Moar: Auf jeden Fall. Ich habe in meinem Leben einige Ligen kennengelernt, aber kaum eine ist so gut organisiert wie die erste und zweite Liga in Deutschland. Die Klubs haben eine klare Idee, wirtschaften seriös. Ich möchte aber nicht mehr als Manager in der ersten Reihe stehen. Ich arbeite lieber im Hintergrund und helfe der Sportlichen Leitung dabei, ihre Ideen umzusetzen.

Ricardo Moar

  • Zur Person:

Ricardo Moar (66) war von Juli 2002 bis Juli 2004 Manager von Hannover 96. In dieser Zeit schaffte der Klub zweimal den Klassenerhalt in der ersten Liga. Zu den bekanntesten Transfers von Moar zählten Fredi Bobic und Thomas Brdaric, die in Hannover die Rückkehr in die deutsche Nationalmannschaft schafften, sowie der Spanier Jaime. "Es war eine sehr ereignisreiche Zeit damals nach dem Aufstieg, in der wir in enger Abstimmung und sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet haben. Wir haben uns in der Bundesliga etabliert", sagt 96-Geschäftsführer Martin Kind.

Dennoch folgte im Sommer 2004 die einvernehmliche Trennung. "Das ist keine leichte Entscheidung gewesen, letztlich ist aber der sportliche Erfolg ausgeblieben", sagt Kind, "also lag es in meiner Verantwortung, zu handeln. Die Bewertung des sportlichen Erfolgs war in all den Jahren die Grundlage für personelle Entscheidungen." Nach seinem Aus in Hannover kehrte Moar nach Spanien zurück und arbeitete wieder für seinen Heimatklub Deportivo La Coruna. Seit Sommer 2018 ist er als Scout für den Bundesligisten Eintracht Frankfurt tätig. Moar und Kind sind bis heute in engem persönlichen Kontakt geblieben.
hop/hec