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"Schorse" Damjanoff: Der Abwehrchef, der die Trainer zum Verzweifeln brachte

Er war das, was man einen "Typen" nennt: Georg "Schorse" Damjanoff war Schlitzohr, Haudegen und konnte über sich selbst lachen, wenn ihn Fans auf uncharmante Art mit Franz Beckenbauer verglichen.

Offensiver Abwehrchef
Dem Mann machte im Profifußball damals keiner etwas vor: 104 Bundesligaspiele (davon 58 für Hannover 96) und 200 Partien in der 2. Liga (davon 152 für 96) hat Georg Damjanoff bestritten. "Ja, ich habe viel im und mit dem Fußball erlebt", sagt er rückblickend. Der Fußball in Pandemiezeiten ist nicht sein Ding. "Diesen tollen Sport ohne volle Stadien und ohne die Emotionen der Zuschauer erleben zu müssen, erscheint mir wie ein Witz", sagt Damjanoff, dessen Spielweise legendär war. "Ich wurde in meiner Laufbahn ja von Fans und Journalisten oft als 'Beckenbauer für Arme' tituliert und wegen meiner doch sehr offensiven Spielweise oft gescholten", sagt er heute. "Aber was gibt es im Fußball Schöneres als Offensivaktionen vor vielen Zuschauern?"

Von 1973 bis 1976 sowie von 1977 bis 1980 trug Georg Damjanoff das Trikot unserer Roten - zwischendurch spielte er eine Saison für die SpVgg Bayreuth.

Flachsen an der Grenze
Seine Laufbahn begann Damjanoff beim SC Fürstenfeldbruck, ehe er mit seiner Familie nach Berlin zog, dort den Mauerbau erlebte und bei Tennis Borussia Berlin in der Jugend und der Regionalliga durchstartete. Zur Saison 1973/74 wechselte der Sohn eines Bulgaren mit Gerd Kasperski, Roland Stegmayer und Bernd Wehmeyer aus Bielefeld zu 96. "Mein Debüt für 96 habe ich im Juli 1973 beim 2:1-Auswärtssieg im Intertotocup beim FC Winterthur gegeben", erzählt er. "Da ich zu Beginn meiner Laufbahn ein staatenloser Spieler war, weil mein Vater mit seiner Familie immer in seine Heimat Bulgarien zurückkehren wollte, schien es für meine Mitspieler immer besonders spaßig zu sein, wenn wir im Ausland spielten. Am Flughafen oder an der Grenze flachsten sie bei den Grenzkontrollen immer vom Fahndungsbuch, indem man meinen Namen auf Seite 804 finden würde." Dass Damjanoff in Hannover später die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, gehört zu dieser Geschichte dazu.

Damjanoff im Jahr 1980, kurz vor dem Ende seiner 96-Zeit
Damjanoff im Spiel gegen Bayern München in der Saison 1975/76

Bierchen mit den Fans
"Viele Trainer sind an meiner Art zu spielen verzweifelt, aber ich habe sie immer mit guten Leistungen überzeugt", sagt er und erzählt eine Anekdote aus der Saison 1975/76: Vor einem Training fiel ihm beim Frühstück ein Wasserkessel auf den Fuß, sodass er nicht trainieren konnte. 96-Trainer Helmut Kronsbein kommentierte diesen Vorfall dann auf seine süffisante Art und sagte zu den wartenden Journalisten: "Da trinkt Dammy zum ersten Mal kein Bier, schon verletzt er sich." Georg Damjanoff lacht heute noch über den Spruch des Trainers: "So war Kronsbein halt. Er hat sich damals nicht gescheut, auch mal was rauszuhauen. Dennoch bin ich immer gut mit ihm ausgekommen. Wer seine Leistung brachte, konnte sich schon mal etwas herausnehmen. Es war kein Geheimnis, dass wir gerade nach Spielen gern einige Bierchen getrunken haben, auch mit Fans. Doch spätestens am Montag haben wir im Training wieder Gas gegeben und uns auf das kommende Spiel vorbereitet. In heutigen Zeiten ginge das alles nicht, ohne zum Skandal zu werden", sagt er.

Eklat zum Abschied
Georg Damjanoff setzte sich als Vizekapitän bei 96 stets für seine Mannschaftskameraden ein. "Dammy hatte das Sagen im Team, und er war immer ein guter Lehrmeister gerade für die jungen Spieler", sagt Dieter Schatzschneider, sein damaliger Mitspieler. Damjanoffs Ende bei Hannover 96 kam im November 1980 nach einem Eklat mit Trainer Diethelm Ferner. "Wir waren in der 2. Liga lange Zeit Tabellenführer. Und die älteren Spieler wie Peter Anders, Jürgen Rynio, Rainer Stiller und ich sagten dem Trainer, dass wir mehr trainieren müssten. Uns ging zum Spielende oft die Kondition aus. Aber der Trainer wollte nicht auf uns hören, und so wurde gerade ich zum Revoluzzer." Damjanoff verpasste ein Training, ein Wortgefecht mit dem Trainer beendete das Kapitel 96. "Ich bin zum VfB Oldenburg, wo ich am Saisonende 1980/81 meine Karriere beendet habe", sagt Damjanoff, der Physiotherapeut wurde und in den neunziger Jahren beinahe als Masseur zu 96 zurückgekehrt wäre. "Aber der damalige 96-Trainer Eberhard Vogel hatte wahrscheinlich zu viel über mich und die 96-Trainer gehört", sagt er lachend.

Peter Hayduk, Jürgen Rynio und Damjanoff (v.l.n.r.) beim 96-Ehemaligentreffen

Treffpunkt Markthalle
Die Roten verfolgt er nach wie vor. "Ich denke, dass Hannover 96 nach dem gelungen Saisonstart gute Möglichkeiten hat, um den Aufstieg in die Bundesliga mitzuspielen. Ich drücke Trainer Kenan Kocak, den Spielern und dem Verein fest die Daumen", sagt er und verabschiedet sich in die hannoversche Markthalle, wo er sich einmal in der Woche mit ehemaligen Mitspielern zum Plausch trifft.
dk/hr