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Ewald Lienen in Autobiografie: "Wir wären gern länger in Hannover geblieben"

Ewald Lienen kehrt in die HDI Arena zurück - und zwar in ungewohnter Rolle als Buchautor. Am morgigen Donnerstag erzählt der frühere 96-Trainer von seinem "Leben mit dem Fußball". Die Roten spielen in diesem Leben keine Hauptrolle, prägend waren sie für Lienen dennoch, wie die Lektüre seines Buches verrät.

431 Seiten, 10 davon über 96
"Ich war schon immer ein Rebell." So hat Lienen sein erstes Buch genannt, das stolze 431 Seiten in kleiner Schrift hat. Nicht nur deshalb bekommt man beim Lesen schnell den Eindruck: Da wollte sich einer etwas von der Seele schreiben. Und zu erzählen gibt es ja genug, wenn man wie Lienen zwischen 1989 und 2017 bei 13 Vereinen als Trainer war und Klubs wie CD Teneriffa, Panionios Athen oder FC Otelul Galati in seinem Lebenslauf stehen hat.

Am Donnerstagabend liest Ewald Lienen in der HDI Arena aus seiner Autobiografie.

Ein Foul mit Folgen
Lienen ist ein begnadeter Erzähler. Dieses Talent macht ihn auch zu einem guten Buchautor. Er schreibt amüsant, interessant, manchmal etwas ausschweifend, aber auch das passt zu ihm. Das Buch hat er seiner Frau Rosa gewidmet, "ohne die auch dieses Buch nicht möglich gewesen wäre". Lienen lässt in seinem Buch nichts aus und wählt einen interessanten Einstieg mit dem Kapitel "Und immer wieder dieses Foul". Es ist das vielleicht berühmteste Foul der Bundesliga, auch wenn das keine nachahmenswerte Kategorie ist. Das Foul des Bremers Norbert Siegmann an dem damaligen Bielefeld-Stürmer Lienen, ein Foul, das für Lienen die Folge hatte, dass "mein Name bis heute mit einem aufgeschlitzten Oberschenkel verbunden bleiben wird. Bis heute, 38 Jahre nach dem Foul." Dass das Buch drei Bilder zu diesem Foul enthält, sei angemerkt, auch wenn es vielleicht konsequenter gewesen wäre, diese Bilder nicht zu zeigen.

Von März 2004 bis November 2005 war Ewald Lienen Trainer bei Hannover 96.

Auftrag erfüllt
Das Kapitel über Hannover 96 beginnt auf Seite 331 und ist zehn Seiten lang, es hat die Überschrift "Unerträgliche Machtspiele". Im März 2004 hatte Lienen 96 als Nachfolger von Aufstiegsheld Ralf Rangnick übernommen. Lienen berichtet von seinem ersten Gespräch mit Martin Kind in Großburgwedel: "Dass er meine Laufbahn nicht kannte, war zwar überraschend, mir aber egal. Er war mir sympathisch, seine klare Sprache und sein wacher Verstand beeindruckten mich", schreibt Lienen. Sein erstes Spiel auf der 96-Bank ging mit 0:1 gegen Kaiserslautern verloren, am Ende aber stand der Klassenerhalt mit Platz 14 - "Auftrag erfüllt".

Langer Schlaks, neuer Freund
Mit großem Respekt erzählt Lienen in seinem Buch von einem "gut erzogenen, langen Schlaks", der bei ihm Stammspieler in der Innenverteidigung wurde und mit dem ihn heute mehr verbindet als mit anderen ehemaligen Spielern. "Als er aus den Windeln raus war, wurden wir Freunde und sind es bis heute geblieben", schreibt Lienen einen herrlichen Satz und meint - natürlich - Per Mertesacker. Lienen beschreibt, wie er damals Robert Enke überredet hat, zu 96 zu kommen. Einen ganzen Tag verbrachten Trainer und Torhüter in einem Hotel. "Nach drei Stunden rief Robert seinen Berater an und beauftragte ihn, den Transfer nach Hannover abzuwickeln."

Dubiose Entlassung 2005
In der Saison 2004/2005 führte Lienen 96 mit 45 Punkten auf den 10. Platz, er genoss als Trainer bei seinen Spielern Hochachtung. Aber es war für Lienen trotzdem eine unruhige Zeit, denn mit dem damaligen Manager Ilja Kaenzig gab es "eine lange Kette von Konflikten, die sich alle um die Kaderplanung und die Verpflichtung neuer Spieler drehten", wie Lienen schreibt. Am Ende fand die Kommunikation zwischen Trainer und Manager nur noch in schriftlicher Form statt, hinzu kam, dass sich Martin Kind im August 2005 vorübergehend als Klubchef zurückgezogen hatte. Mit Kind im Amt, da lässt Lienen im Buch keine Zweifel, wäre sein 96-Kapitel anders verlaufen. Im November 2005 wurden Lienen und sein Asssistent Michael Frontzeck "kalt lächelnd entlassen, nachdem uns am Vorabend in einer Krisensitzung noch vorgegaukelt worden war, dass wir es gemeinsam anpacken".

Ein Fan der Stadt
Diese Entlassung hat bei Lienen Spuren hinterlassen. Er sei von der Situation bei 96 "traumatisiert" gewesen, die Erlebnisse hätten sein Bild von der Bundesliga und Teilen der Medien "nachhaltig beschädigt". Und trotzdem ist sein Kapitel über 96 keine Abrechnung mit den Roten und Hannover. "Rosa und ich wären damals gerne länger in Hannover geblieben, wir fühlten uns in der Stadt sehr wohl", schreibt der heute 64-Jährige. Lienen vermisste seine damaligen Spieler, seine Mitarbeiter. Mit Martin Kind hatte er ein "vertrauensvolles und herzliches Verhältnis". Und eines ist bis heute geblieben: Jedes Mal am 28. November klingelt früh morgens Lienens Handy mit einer 05139-Vorwahl. Am Apparat ist dann das Büro von Martin Kind, das zum Chef durchstellt, der Ewald Lienen herzlich zum Geburtstag gratuliert.
hr

400 Menschen werden Donnerstag zur Lesung von Lienen in der HDI Arena kommen. Die Veranstaltung ist damit ausverkauft.