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Abschälen, Aufkreiseln und Besuch in Holland: Greenkeeper Meyer über den Rasentausch

Am Montag wird in der HDI Arena ein neuer Rasen verlegt. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Logistik, die 96-Greenkeeper Michael Meyer im Interview mit hannover96.de erklärt. Ein Gespräch über Wiesenrispe, Dicksoden, einen Besuch auf Feldern in Holland und darüber, warum der alte Rasen nicht als Andenken für Fans taugt.

Michael Meyer, die einfachste Frage zuerst: Warum muss der Rasen in der HDI Arena eigentlich getauscht werden?

Michael Meyer:
Weil wir derzeit mit der alten Sode nicht durch den Winter kommen. Was kaputt gespielt ist, ist kaputt, und genau an dem Punkt sind wir. Es wächst halt einfach nichts mehr. Man kann auch die Heizung anstellen und auf 30 Grad laufen lassen, aber das ist nicht so stabil wie im Mai. Dazu kommen der viele Regen und weniger Sonnenstunden. Aber: Wir sind ja in der glücklichen Lage, dass wir überhaupt Rasen tauschen können. Andere Stadien haben sich für ein Hybridsystem entschieden, bei dem Kunstfasern eingenäht sind. Mal einfach da die Sode auszuwechseln funktioniert nicht.

Der alte Rasen ist bereits weg: 96-Greenkeeper Michael Meyer in der HDI Arena.

Rasentausch klingt für Laien erst einmal wie etwas ganz Normales. In Wahrheit ist das schon eine kleine Wissenschaft. Wie geht es los, wenn sich ein Fußballprofiverein wie Hannover 96 entscheidet, seinen Rasen im Stadion zu tauschen?

Meyer:
Der alte Rasen wird erst einmal mit einer Spezialfräse, die man millimetergenau von der Tiefe einstellen kann, abgefräst. Das ist wichtig, damit man nur die Sode mit ein bisschen Rasentragschicht abnimmt. Über Förderbänder wird dann die alte Sode wie beim Maishäckseln auf den Ladewagen transportiert. Viele fragen immer, ob man den alten Rasen noch verwenden kann und hätten gern ein Stück für ihren Garten - das geht aber nicht. Da liegt dann am Ende eine riesige Erdmiete von 400 Kubikmeter. Das Material wird abgefahren und aufbereitet - in Sachen Nachhaltigkeit passiert da schon einiges.

Wie lange dauert es, den Rasen eines Bundesligaspielfeldes komplett abzufräsen?

Meyer:
Das kann man pauschal nicht sagen. Es kommt auf das Wetter an, bei trockenen Bedingungen funktioniert alles schneller, ist es feucht, kann es passieren, dass das Förderband und das Gerät verstopfen und man anhalten muss, um zu säubern. Dann kann das schon mal anderthalb Tage dauern, sonst einen Tag.

Und nach dem Abfräsen ...

Meyer:
… wird das Ganze aufgekreiselt. Dann werden noch Bodensubstanzen und Nährstoffzugaben hinzugegeben, alles wird angedrückt, noch mal abgezogen - und dann kommt der Holländer.

Der Holländer?

Meyer:
Wir arbeiten seit vielen Jahren mit einer Firma aus den Niederlanden zusammen. Diese Firma arbeitet als einzige mit 2,40-Meter breitem Rasen statt der üblichen 1,20 Meter. Das mit der kürzeren Bahn ist im Sommer kein Problem, aber im Winter dauert es ewig, bis das zusammenwächst. So haben wir bei 2,40 Meter deutlich weniger Nahtstellen.

Bis wann soll der Rasen in der HDI Arena verlegt sein?

Meyer:
Dienstagabend muss es fertig sein.

Dann sind es noch vier Tage bis zum Heimspiel.

Meyer:
Das ist kein Problem. Da wächst ja nichts, der Rasen wird angedrückt und angewalzt. Im Bundesligabetrieb nimmt man nicht Dünnsode, sondern Dicksode. Die ist dreieinhalb bis vier Zentimeter stark und liegt mit dem Eigengewicht. Natürlich geht vielleicht mal eine Kante hoch, aber man ist mittlerweile maschinell so weit, dass die Kanten hydraulisch mit Druck zusammengepresst werden. Das kann man mit der Hand gar nicht schaffen.

Die 96-Profis werden also einen tollen Rasen zum ersten Heimspiel des Jahres 2020 haben.

Meyer:
Davon gehe ich aus. Es handelt sich um 100 Prozent Wiesenrispe - das ist schon was Gutes.

Schauen Sie sich den Rasen, der später in Hannover verlegt wird, persönlich vor Ort an?

Meyer:
Ich fahre immer nach Holland, kurz hinter der deutschen Grenze. Ich lasse mir dann immer fünf, sechs Felder zeigen. Man muss sich dann auch mal ein Stück rausschneiden, dann bekommt man ein Gefühl dafür. Das muss wie eine Schwarte sein und Stabilität haben. Wenn wir im Januar oder Februar verlegen, haben wir ja kein Wachstum, das geht ja später los, erst mit der Wurzel und dann mit dem Blattwachstum. Das kennt ja jeder Gärtner von Zuhause, ob das eine Staude ist oder eine Rasenpflanze, das ist alles dasselbe.

Wie muss man sich die Logistik in Holland vorstellen beim Schälen des neuen Rasens?

Meyer:
Die schälen am späten Abend oder nachts in Holland, dann stehen bereits die LKW in den Feldern und die Rollen werden in die 20, 25 LKW gepackt. Man kann dann nicht mehr sagen, heute regnet es bei uns in Hannover, wir machen mal zwei Tage Pause. Wenn die Logistik angelaufen ist, dann muss verlegt werden. Wenn nur ein LKW im Stau steckt, dann steht das Ganze.

Wie viele Leute verlegen den neuen Rasen, und wie lange dauert das?

Meyer:
Das ist ein eingespieltes Team mit zwölf Leuten. Sie werden Montagmittag nach Hannover kommen, um 14 Uhr anfangen und abends bis zirka 22 Uhr arbeiten. Dienstagmittag sollte dann alles fertig sein.

Wäre Schneefall ein Problem?

Meyer:
Nein, dann würde ich die Heizung richtig hochfahren. Die Holländer haben auch schon bei Schneetreiben verlegt. In Holland decken sie zum Beispiel die Flächen mit einer luftdurchlässigen Folie ab und können dann auch bei Frost schälen. Aber Schnee ist laut Wetterbericht derzeit in Hannover ohnehin nicht in Sicht.
hr