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Martin Kind: "Wir haben die Knöpfe professionell gedrückt"

Hannover 96 hat den Neuaufbau eingeleitet. Im Interview mit hannover96.de spricht Geschäftsführer Martin Kind über die Lehren aus der Vergangenheit, neue Entscheidungsstrukturen und Strategien, optimistisch stimmende Transfers, warum 96 ein toller Klub ist und ihn die Zahl 17.000 besonders freut.

96-Geschäftsführer Martin Kind

Herr Kind, welche Lehren haben Sie aus der Entwicklung in den vergangenen zwei Spielzeiten gezogen und was bedeutet das für die Zukunft von Hannover 96?

Martin Kind (75): Erlauben Sie mir einen kurzen Rückblick: Wir sind in der vergangenen Bundesligasaison berechtigt abgestiegen, und zwar deshalb, weil wir in der Sportlichen Leitung zu viele Fehlentscheidungen getroffen haben, die wir im Laufe der Spielzeit nicht mehr korrigieren konnten. Der Abstieg war für uns sportlich wie wirtschaftlich desaströs. Wir haben in der vergangenen Saison einen Verlust von 18 Millionen Euro gemacht und planen - bedingt durch die Entscheidungen in der Vergangenheit - für die kommende Zweitligasaison noch einmal mit 17 Millionen Euro Verlust. Gegenrechnen muss man die bisher erzielten Transfererlöse.

Was war die wichtigste Erkenntnis nach der Analyse der Vergangenheit?

Kind: Wir haben uns nach der Analyse entschieden, sportlich wie strukturell einen Neuaufbau bei Hannover 96 einzuleiten. Wir haben Jan Schlaudraff als Sportdirektor und Mirko Slomka als Trainer verpflichtet und darüber hinaus die ersten wesentlichen Entscheidungen eingeleitet, die das Gesicht der neuen Mannschaft betreffen. Die Vorbereitung dieser Entscheidungen ist deutlich differenzierter, strukturierter und professioneller als in der Vergangenheit abgelaufen. Es reicht nicht aus, dass Spieler positiv beurteilt werden und das dann zu einer Entscheidung führt. Wir haben ein System eingeführt, durch das zu jedem Spieler umfassend Informationen vorliegen und auf dieser Grundlage anschließend in einem erweiterten Kreis eine Transferentscheidung getroffen werden kann. Eine professionellere Vorbereitung, eine professionellere Abwicklung – davon erhoffen wir uns, das Risiko bei Transfers deutlich zu minimieren.

Wie groß ist die Kraftanstrengung für das Wirtschaftsunternehmen Hannover 96 und wie schwer der Spagat, wirtschaftlich verantwortungsvoll zu handeln und gleichzeitig eine konkurrenzfähige Mannschaft auf die Beine zu stellen?

Kind: Ich muss darauf hinweisen, dass die Umsätze der ersten und die der zweiten Liga dramatisch unterschiedlich sind. Das bedeutet für Hannover 96 konkret, dass sich der Umsatz halbiert hat. Das ist eine besondere Herausforderung, da das Vertragsmanagement nicht zeitgleich eine Anpassung der Kosten an den stark reduzierten Umsatz ermöglicht. Wir haben trotzdem entschieden, auch die wirtschaftliche Verantwortung anzunehmen. Die Gesellschafter haben Liquidität zur Verfügung gestellt, sodass wir vollumfänglich handlungsfähig sind. Nach jetzigem Stand haben wir gute Spielertransferentscheidungen getroffen und die Chance, mit einer wettbewerbsfähigen Mannschaft um den Wiederaufstieg zu spielen.

Sie wollen für Hannover 96 eine neue, zukunftstaugliche Struktur entwickeln. Wie weit sind Sie damit? Geben Sie doch mal einen kleinen Einblick, wie diese Struktur aussehen soll und was Ihnen dabei wichtig ist!

Kind: Es gibt noch etliche Herausforderungen. Kurzfristig realisiert haben wir das gesamte Informations-, Beurteilungs- und Entscheidungssystem für Transferentscheidungen. Wir wissen aber, dass wir das noch weiterentwickeln müssen. Weitere Themen sind zum Beispiel der Aufbau eines professionellen Scoutings und einer aussagekräftigen, umfassenden Softwarelösung für den Spielermarkt. Auch die Schnittstelle zu unserer Akademie müssen wir weiterentwickeln, denn wir haben das Ziel, jährlich Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum in den Profikader zu führen. Man sieht: Es ist eine Vielzahl an Aufgaben und Geschäftsfeldern, deren Weiterentwicklung wir bis Ende der Saison umsetzen wollen. Dazu gehört auch die Veränderung unserer Medienarbeit. Aktuell, informativ, authentisch – die Menschen, die sich für Hannover 96 interessieren, sollen von uns auf unterschiedlichen Kanälen ein umfassendes Angebot und interessante Informationen bekommen. Es lohnt sich, täglich auf unsere Homepage und unsere digitalen Kanäle zu schauen.

Sie haben auf der Pressekonferenz zur Vorstellung von Jan Schlaudraff und Mirko Slomka von einer neuen Philosophie bei Hannover 96 gesprochen. Wie sieht diese aus, und was bedeutet sie für alle Personalentscheidungen?

Kind: Die Analyse der vergangenen zwei Jahre hat gezeigt, dass Einzelprofile bewertet wurden, aber nicht ein Profil im Sinne einer Spielphilosophie. Deshalb haben wir erst einmal diese Philosophie verabschiedet und danach ganz konsequent die Spieler ausgesucht. Also erst die sportliche Strategie, dann das Profil des Spielers, zu dem auch die charakterlichen Eigenschaften gehören. Die ersten Entscheidungen für die neue Saison zeigen, dass dieser Weg erfolgversprechend ist. Unsere Philosophie ist dabei unabhängig von handelnden Personen, sonst müssten wir bei jedem Wechsel auf der Trainer- oder Managerposition wieder neu beginnen. Das wollen wir nicht mehr. Wir wollen eine 96-Strategie.

Bereits jetzt haben mehr als 17.000 Menschen ihre Dauerkarte verlängert oder eine gekauft. Wie beurteilen Sie diese Zahl, und ist sie ein Beleg dafür, dass die Hannoveraner den Weg mit der neuen Philosophie mitgehen?

Kind: Ich glaube, die Menschen erkennen, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit gezogen und notwendige Entscheidungen getroffen haben. Es ist ein tolles Zeichen, dass bereits jetzt, knapp einen Monat vor dem Saisonstart, mehr als 17.000 Anhänger eine Dauerkarte gekauft haben. Darüber freue ich mich persönlich riesig. Es ist ein tolles Signal, dass die Menschen in Hannover und der Region wissen, welche Bedeutung 96 hat und einen Traditionsverein auch in einer schwierigen Situation unterstützen.

In den sozialen Netzwerken wurde in den vergangenen Tagen mit einem gewissen Staunen registriert, dass 96 bei Transferentscheidungen geräuschlos arbeitet und die Medien mit Namen überrascht – und nicht umgekehrt. Das kommt bei vielen Menschen gut an …

Kind: Medien spekulieren – das ist legitim. Wir haben deutlich vereinbart, dass von keinem Beteiligten Informationen nach außen gegeben werden. Wir bereiten die Entscheidungen professionell vor, treffen sie und informieren erst dann die Öffentlichkeit. Wir verkünden Ergebnisse und keine Wasserstandsmeldungen. Und wir lassen uns von Spekulationen in den Medien nicht unter Druck setzen.

Sie haben mit mehreren Managern gesprochen und am Ende Jan Schlaudraff zum Sportdirektor gemacht, weil Sie von ihm überzeugt waren. Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Sportdirektor Jan Schlaudraff?

Kind: Zum Neuanfang gehört, den Markt für Sportdirektoren zu sondieren. Ich habe viel Zeit für Gespräche mit Bewerbern und Kandidaten verbracht und dabei viel gelernt. Es waren gute Bewerber dabei. Ich kenne Jan Schlaudraff viele Jahre, er identifiziert sich voll und ganz mit 96, Hannover ist sein Lebensmittelpunkt. Jan hat eine fundierte, überzeugende Analyse vorgelegt. Er besitzt eine hohe Wissenskompetenz im Fußballmarkt und eine hohe Lernbereitschaft. Er ist ehrgeizig, fleißig, arbeitet sehr strukturiert. Die ersten Wochen der Zusammenarbeit haben das alles vollumfänglich bestätigt – es macht Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Trainer Mirko Slomka arbeitet sehr akribisch an vielen Dingen mit dem Team, sucht die Gespräche mit den Spielern und trägt damit gemeinsam mit Jan Schlaudraff viel dazu bei, Profis wie Marvin Bakalorz, die andere, vielleicht sogar lukrativere Angebote hatten, von 96 zu überzeugen. Wie verfolgen Sie Slomkas Arbeit?

Kind: Auch hier ein kurzer Rückblick: Mirko Slomka steht - mit Jörg Schmadtke - für die erfolgreichste Zeit bei Hannover 96 mit zwei Jahren in der Europa League. Einige haben sich bei seiner Verpflichtung gefragt, wie das zu einem Neuanfang passt. Slomka ist intelligent, er hat sich selbstkritisch hinterfragt und deutlich weiterentwickelt – deshalb ist das sehr wohl ein Neuanfang, denn er ist offen für Veränderungen und macht einen guten Job.

Führungsspieler und Sympathieträger wie Edgar Prib, Bakalorz und Felipe gehalten, dazu Neuzugänge wie Ron-Robert Zieler, Marcel Franke, Sebastian Jung oder Marvin Ducksch, die alle schon bewiesen haben, dass sie über Klasse verfügen, geholt. Wie lautet Ihr Zwischenfazit zu den Transfers – und mit was können 96-Fans noch rechnen in den nächsten Tagen und Wochen?

Kind: Für einige Medien waren Spieler wie Marvin Bakalorz oder Felipe schon weg … Aber sie haben verlängert, und die Rückkehr von Ron-Robert Zieler und Transfers wie Franke, Jung und Ducksch zeigen, wie 96 am Markt tatsächlich eingeordnet wird. Wir müssen unterscheiden: Ja, es waren anderthalb schlechte Jahre, aber 96 ist ein toller Verein. So wird 96 auch am Markt wahrgenommen. Es ging nicht darum, schnell irgendwelche Knöpfe zu drücken. Wir haben die Knöpfe professionell gedrückt. Und wir haben noch bis zum 31. August Zeit und sind vorbereitet, weitere Entscheidungen zu treffen. Wir haben für jede Position A-B-C-Lösungen.

Ein sofortiger Wiederaufstieg wäre wünschenswert, wird aber nicht als Ziel ausgegeben: Bleibt es bei dieser Linie für die Zweitligasaison 2019/20?

Kind: Mit dem HSV, mit Stuttgart und mit Nürnberg haben wir drei starke Mitbewerber, dazu kommen bestimmt noch ein oder zwei Vereine, die wir jetzt noch gar nicht erwarten, und die auch oben mitspielen. Das Ziel ist der Wiederaufstieg, aber wir kennen auch die Risiken und sind realistisch, dass es unter Umständen ein weiteres Jahr dauern kann. An unserem Ziel aber ändert das nichts.

Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball Liga, hat auf dem Kirchentag gesagt, dass er mit der DFL seit längerer Zeit gegen eine Klage von 96 und von Ihnen kämpfe, und er hat Ihnen vorgeworfen, 50+1 „im Endeffekt kippen“ zu möchten. Hat Sie diese Aussage überrascht?

Kind: Ich habe gelesen, wie sich Herr Rauball geäußert hat und dass er meint, ich wolle – wie er es formuliert hat - 50+1 kippen. Ich erwarte von einem DFL-Präsidenten, dass er mindestens die Fakten korrekt darstellt. Dies bedeutet eindeutig: Wir haben einen Ausnahmeantrag auf Basis von 50+1 gestellt – und nicht zur Abschaffung von 50+1. Die Bundesligavereine müssen sich darauf verlassen können, dass ein DFL-Präsident die Inhalte korrekt darstellt.
hr