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Robert Enke: Lebendig im Herzen

Am heutigen Sonntag jährt sich der Todestag von Robert Enke zum zehnten Mal. Erstmals gibt es eine Generation, die keine persönlichen Erinnerungen an den Kapitän von Hannover 96 hat. Doch Robert Enke ist unvergessen, und seine Geschichte zu erzählen heißt, zurückzublicken auf einen außergewöhnlichen Menschen und Sportler. Erinnerungen an einen, der fehlt und uns etwas hinterlassen hat.

Im 96-Trikot: Robert Enke im Jahr 2006.

Unvergessen
Heute vor zehn Jahren nahm sich Robert Enke, Kapitän von Hannover 96 und Nationaltorwart, das Leben. Auch nach zehn Jahren, eine kleine Ewigkeit im Fußball, entfaltet der Gedanke daran, dass er nicht mehr da ist, eine emotionale Wucht, die einen schüttelt und bewegt, die einen still werden lässt und traurig. Das hat sich nach zehn Jahren aus einem einfachen Grund nicht geändert: Robert Enke ist unvergessen, lebendig in den Herzen der Fans, in deren Erinnerungen er einen Logenplatz hat.

Aus der zweiten Liga ins Nationaltor
Damals, an diesem grauen 10. November 2009, war der erste Gedanke: Das kann nicht wahr sein. Weil jeder das Bild vor Augen hatte vom furchtlosen Torwart, der auf dem schönsten und zugleich undankbarsten Posten im Fußball immer gelassen und stark gewirkt hatte. Ein Torwart, der sich von der zweiten spanischen Liga ins deutsche Nationaltor gekämpft hatte. Ein Mensch, der zusammen mit seiner Frau Teresa persönliche Schicksalsschläge wie den Tod von Tochter Lara verkraften musste und dessen Umgang damit anderen, die einen geliebten Menschen verloren haben, Kraft und Halt gab.

Erkrankt an Depression
Zehn Jahre später wissen wir, dass Robert Enke einen größeren Gegner hatte als Stürmer, die gegen ihn ein Tor schießen wollten (und das war gegen diesen Klassekeeper ein verdammt schwieriges Unterfangen). Wir wissen, dass er an der heimtückischen Krankheit Depression litt, die ihm zweimal die Lust am Leben nahm, das er mochte und bejahte, und die beim zweiten Mal so stark war, dass er trotzdem keinen anderen Ausweg sah, als Suizid zu begehen.

Enkes Vermächtnis
Heute wissen mehr, aber noch nicht genug Menschen, dass es sich bei Depression um eine Volkskrankheit handelt und es nicht damit getan ist, denjenigen, die davon betroffen sind – jeder Fünfte in Deutschland leidet mindestens einmal im Leben an Depressionen – ein "Komm, stell' Dich nicht so an, das wird schon wieder" zuzurufen. Es klingt vielleicht etwas pathetisch, aber es ist das Vermächtnis des Robert Enke, dass wir alle beim täglichen Miteinander menschlich und respektvoll bleiben und mit psychischen Erkrankungen offen umgehen und damit möglich machen, dass niemand Angst und Sorgen haben muss, in seinem Beruf und in seinem Umfeld als schwach angesehen zu werden, vielleicht gar als Versager, der der Härte der heutigen Leistungsgesellschaft nicht gewachsen ist.

Das Enke-Lachen
Teresa Enke hat vor ein paar Tagen im hannoverschen Theater am Aegi gesagt, dass man sich Robert nicht als unglücklichen Menschen vorstellen darf. Im Fotoarchiv von Hannover 96 haben wir unzählige Bilder von Robert Enke, den alle als nachdenklichen, zuvorkommenden und zurückhaltenden Menschen erlebt haben. Aber eine halbe Stunde Stöbern im elektronischen Archiv genügt, um zu erfahren, dass es ganz viele Fotos gibt (viel mehr als angenommen), auf denen Robert lächelt. Kein lautes, aufdringliches, schepperndes Lachen, sondern ein leises, ein bisschen neckisches. Eben das Robert-Enke-Lachen.

Erstes Spiel für 96 in Leverkusen
Irgendwann stößt man bei den Bildern auf welche vom 7. August 2004, in denen sich Enke im hellblauen Torwarttrikot dem Leverkusener Dimitar Berbatov entgegenwirft. Es ist sein erstes Spiel für Hannover 96, sein erstes Bundesligaspiel seit dem Mai 1999. Hannover war damals vor dem Start der Saison 2004/05 neugierig. Und skeptisch. Ein neuer Torwart, der vorher in Spaniens zweiter Liga bei einem Provinzklub gespielt hat - kann das gutgehen? 96 verliert in Leverkusen mit 1:2, Trainer Ewald Lienen bescheinigt Enke nach dem Abpfiff "eine erstklassige Leistung. Das war ausgezeichnet." Und Enke? Er sagt, dass leistungsmäßig noch mehr drin sei, wenn er an seine Zeit bei Benfica Lissabon denke.

Paraden-Hattrick gegen Hamburg
Ein paar Spiele später wissen alle, nicht nur in Hannover, was für ein außergewöhnlicher Torwart jetzt bei 96 zwischen den Pfosten steht. Enke beherrscht die große Kunst, völlig unaufgeregt aufregende Paraden zu zeigen. Am 7. November 2006 gewinnt er mit Hannover 96 mit 1:0 beim FC Bayern München, das erste und bis heute einzige Mal, dass die Roten beim Rekordmeister drei Punkte holen. Am 17. März 2007 spielt 96 gegen den Hamburger SV, und diese 84. Minute wird niemand von den 49 000 Zuschauern, die damals im Stadion waren, vergessen. Enke zeigt drei Weltklasseparaden hintereinander: Er macht sich groß gegen Sanogo, macht einen Hechtsprung nach rechts, um den Nachschuss von Mahdavikia zu parieren, um direkt danach in die andere Ecke zu tauchen und den Schuss von Trochowski zu klären. Für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" gibt es dafür nur eine Erklärung: "Enke hat Flügel", schreibt sie.

"Dreimal angeschossen"
Als Robert Enke von den Reportern auf die drei Großtaten in zehn Sekunden angesprochen wird, sagt er: "Dreimal angeschossen. Was soll man machen. Da kommt man nicht weg." Es ist kein Kokettieren mit seiner Leistung, kein Versuch, am Ende doch hören oder lesen zu wollen, wie toll man ist. Es ist die Beschreibung eines großartigen Torwarts, der sich nicht wichtig nimmt. Und von dem es einen bemerkenswerten Satz gibt: "Wenn wie bei der WM 2006 die Nachricht, wer die Nummer 1 im Tor ist, als erste Meldung in der 'Tagesschau' läuft, dann passt was nicht."

Zeit für junge Fans
Auf einem anderen Bild steht Robert Enke inmitten von 13 E-Jugendspielern des FC Neuwarmbüchen. Sie hatten beim Training zugeschaut, einer hatte Enke danach um ein Foto gebeten. Enke nahm sich Zeit, bis die letzte Mutter ihre Aufnahme gemacht hatte. Auf dem Bild wirkt Enke nicht gelangweilt, sondern lächelt, und wer wissen will, warum sein Tod so viele Menschen bewegt und traurig gemacht hat, die sich kaum für Fußball interessieren, der findet eine Antwort in Bildern wie diesem.

Ein großer Hundefreund
Einmal hat mich Robert Enke angerufen. Ich war damals Journalist bei der "HAZ", und Robert tastete sich am Telefon ganz vorsichtig an sein Anliegen heran. Es sei ja bekannt, dass er und Teresa Hundeliebhaber seien und ob es möglich wäre, bei der Vermittlung von Tieren aus dem spanischen Manresa zu helfen. Es dürfe aber auf keinen Fall geschrieben werden, dass er die neuen Hundebesitzer später besuche, diese sollen das machen, weil es ihnen um die Tiere geht, und nicht darum, einen Fußballprofi zu Besuch zu haben. 16 Hunde und einen Kater stellen Robert und Teresa bei der Aktion "Tierhüter gesucht" mit persönlichen Worten in der Zeitung vor, alle finden ein neues Zuhause. Robert kümmert sich darum, ohne öffentliches Aufheben davon zu machen.

"Robbi sitzt da oben"
Teresa Enke hat in diesen Tagen erzählt, dass sie die kindliche Vorstellung habe, dass "Robbi da oben sitzt, zu uns runter guckt und es ihm gut geht". Es ist schön, sich das vorzustellen. Wie er da oben ist, vielleicht wie früher stundenlang über Torwarthandschuhe diskutiert oder abends eine Runde mit dem Hund dreht. Und wie er lacht. Das Robert-Enke-Lachen.
Heiko Rehberg