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Gespräch im Künstlerhaus: Warum 96-Trainer Kocak einen engen Draht zu "Icke" hat

Als Talk-Gast im Künstlerhaus erzählte 96-Chefcoach Kenan Kocak amüsant und mit viel Humor, warum seine Trainerkarriere beim Jogging begonnen und welcher Weltmeister von 1990 ihn als Mitspieler früher begeistert hat.

Überraschung im Wald
Allein für diese Anekdote hatte sich das Kommen in das hannoversche Künstlerhaus gelohnt. Dort war 96-Trainer Kenan Kocak Gast der Interviewreihe "Anstoß! Gespräche über Fußball" – und sorgte gleich zu Beginn für ein kräftiges Schmunzeln bei den Besuchern. Moderator Jan Sedelies hatte Kocak nach den Anfängen seiner Trainerkarriere gefragt. "Das war beim Jogging", sagte der 39-Jährige und löste die unsichtbaren Fragezeichen sicherheitshalber schnell auf.

Veranstaltung im Künstlerhaus: 96-Cheftrainer Kenan Kocak im Gespräch mit Moderator Jan Sedelies

Hilfsdienst für einen Freund
Kocak wollte damals in Mannheim im Wald eigentlich nur eine Joggingrunde drehen, traf dabei zufällig einen guten Freund, der ihm erklärte, dass der Trainer des von ihm geförderten Klubs die nächsten Wochen leider nicht zur Verfügung stünde und deshalb kurzerhand fragte, ob Kocak ihm da nicht vielleicht aus der Patsche helfen könnte. So landete Kocak, der nicht Nein sagen wollte, beim FC Türkspor Mannheim. Schon vor dem ersten Training hätte Kocak, als er in die Kabine kam, seinen Entschluss am liebsten wieder rückgängig gemacht. Aber da Aufgeben für ihn auch außerhalb des Fußballs bis dahin nie infrage gekommen war, brachte Kocak auch diese Mannheimer Mannschaft in Schwung – die gute Arbeit des damaligen Trainerneulings sprach sich anschließend schnell herum.

Schwärmen für Edgar Davids
90 Minuten lang erzählte Kocak natürlich viel über seine Aufgabe bei Hannover 96, nahm die Besucher aber auch auf sehr sympathische Art und Weise mit auf eine kleine Reise in die Vergangenheit, in der Mannheim und die dortigen Fußballklubs eine große Rolle gespielt haben. Zum Beispiel Phönix Mannheim, dieser Klub, den in Hannover wohl kaum jemand kennt und in dem der junge Kenan "als Bambini" erstmals mit dem Vereinsfußball in Berührung kam. "Vorher habe ich jeden Tag auf dem Bolzplatz gespielt, bis es dunkel wurde."

Bild aus der aktiven Zeit: Von 2004 bis 2006 trug Kenan Kocak das Trikot des SSV Reutlingen 05.

Bis auf Torwart bekleidete Kocak in der Jugend jede Position, bis für ihn irgendwann klar war, dass Mittelfeldspieler sein Ding ist. Vorbilder als Spieler? Bei der Frage musste Kocak kurz überlegen. "Ich hatte kein richtiges Vorbild, aber immer so Phasen, in der mir Spieler gefallen haben. Zuerst Maradona, später der Brasilianer Ronaldo. Und der Niederländer Edgar Davids (früher unter anderem Ajax Amsterdam, AC Mailand, Juventus Turin, d. Red.). Dessen aggressive Spielweise hat mir gefallen", sagte Kocak.

Profivertrag mit 18 Jahren
Schon als 17-Jähriger durfte Kocak bei den Profis von Waldhof Mannheim mittrainieren, ein Jahr später unterschrieb er seinen ersten Profivertrag – und zog sich kurze Zeit später das erste Mal einen Kreuzbandriss zu. Doch dass der heutige 96-Chefcoach keiner ist, der sich von Rückschlägen umwerfen lässt, wurde in seinen Erzählungen deutlich. Kocak musste sich als eines von vier Kindern alles hart erarbeiten, nicht nur beim Fußball. Wie wichtig dabei die Unterstützung der Familie ist, unterstrich Kocak, und es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er dieses Bild von der großen Familie und ihrer Bedeutung auch auf seine Arbeit als Trainer übertragen hat.

Kicken mit "Icke"
Was kaum einer weiß: In Salzburg hat Kocak gemeinsam mit Thomas "Icke" Häßler gespielt, dem Weltmeister von 1990. "Leider nicht bei Red Bull, sondern bei Austria", sagte er, "das hat sich beim Gehalt bemerkbar gemacht." Mit diesem Spruch sorgte Kocak für Lacher im Publikum. Mit Häßler, der damals am Ende seiner Karriere stand und der ihm als Spielerpersönlichkeit imponiert hat, gibt es noch heute einen "engen Draht", wie Kocak berichtete.

"Abgerechnet wird am Schluss"
Häßler mit seinen famosen Dribblings und Pässen stand für einen attraktiven Fußball, für den auch Kocak als Trainer stehen möchte. "Ich gehe als Trainer den mutigen und riskanten Weg, und davon werde ich mich auch nicht abbringen lassen", sagte der 39-Jährige, der seit dem 15. November vergangenen Jahres Cheftrainer der Roten ist und gleich eine schwierige Situation meistern muss. Da hilft es, zu wissen, wie man mit Rückschlägen im Leben umgeht. "Wir alle können die Tabelle lesen. Aber wir sollten da gar nicht so oft draufschauen, denn abgerechnet wird am Schluss." Und da ist sich Kocak sicher, wird er mit 96 die Ziele erreicht haben: "Wir werden das gemeinsam durchstehen und damit das Fundament legen für eine erfolgreiche Zukunft." Nicht nur für diesen Satz gab es nach 90 unterhaltsamen Minuten warmen, langen Applaus.
hr