"... aber es muss ja weitergehen"

Ruhig ist es rund um die Arena. Eine Stunde noch bis zum Anpfiff eines Fußballspiels, das normalerweise in Hannover höchste Ekstase auslöst und alljährlich als das "Spiel des Jahres" bezeichnet wird.

Hannover 96 empfängt den FC Bayern, doch normal ist zunächst nichts an diesem Sonntagnachmittag.

Weil sich die Mannschaft, der Verein, die Fans nach dem Tod Robert Enkes erst langsam der Normalität annähern. Sie müssen sich annähern, und sie wollen sich annähern – das jedenfalls hatten die Spieler und die Sportliche Leitung vor der Begegnung gegen die Bayern immer wieder betont. Auch an die Fans hatten sie diese Bitte vor dem ersten Heimspiel nach dem Tod ihres Torwarts gerichtet. "Wir respektieren diesen Wunsch natürlich und verzichten auf eine besondere Choreografie", sagt Fanbeauftragter Frank Watermann. Anfragen einzelner Fanklubs gab es in der Vorwoche nicht, und so sind vor und während des Spiels nur zwei kleine Plakate mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden" und "Robert, RIP" zu sehen – und, als die "Roten" auflaufen, unzählige Schilder mit einer schwarzen "1", die die Fans in der Nordkurve still hochhalten. So, als wollten sie sagen: Robert, du bist und bleibst bei uns.

Nein, sie werden ihre Nummer 1 nicht vergessen, dieser Satz ist von vielen Fans vor dem Anpfiff zu hören. Die meisten fügen hinzu: "Aber es muss ja weitergehen." Zurück in die sportliche Normalität: Dieser Wunsch dominiert, auch bei jenen Zuschauern, die sich vor dem Anpfiff im Fanshop ein 96-Trikot mit der kleinen schwarzen "1" kaufen oder ein schwarzes Torwarttrikot mit Enkes Namen beflocken lassen. "Wir machen derzeit kaum etwas anderes", sagen die Mitarbeiter. Er habe daheim ein großes Enke-Poster aufgehängt, versichert Thomas Jünke aus Hameln, "aber hier im Stadion muss es wieder rundgehen – spätestens nächste Woche gegen Leverkusen." Das sehen Jörg Plumbohm und Michael Rausch ähnlich. Die 96-Fans aus Göttingen begrüßen besonders, dass der neue Medienpartner NDR seine Fanshow vor der Partie in angemessener Unaufgeregtheit gestaltet.

Auch die Stimmung in der Fankurve ist zurückhaltend. Und doch von Sensibilität geprägt: Als 96-Torwart Florian Fromlowitz den Rasen zum Aufwärmen betritt, begrüßen ihn die Fans mit warmem Beifall und einem besonders lauten "From-lo-witz" auf die Durchsage "Unsere Nummer 27: Flo-ri-an ?" Das schwarze Enke-Trikot mit der Nummer 1 thront hoch oben über der Westtribüne.

Draußen sind derweil 25 Fans mit Spendenbüchsen unterwegs. Sie sammeln für die Per-Mertesacker-Stiftung, die ein Enke-Konto eingerichtet hat. Teresa Enke wird entscheiden, welchem Zweck dieses Geld später zugute kommt. "Die Leute geben gern und großzügig", sagt Marc Böder. Der 22-Jährige gehört zur Fangruppe der Ultras und hat sogar üppige Spenden der Bayern-Fans bekommen. Im Stadion zeigen sich die Anhänger der Münchener weniger nett: Als das 96-Vereinslied "Alte Liebe" ertönt, pfeifen sie nach Kräften.

Doch dann pfeift Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer das Fußballspiel an. Der Sport übernimmt die Regie, in gewohnter Emotion. Und die Mannschaft, der Verein, die Fans kommen der Normalität wieder 90 Minuten näher.

Havel schreibt Teresa Enke: Der tschechische Dramatiker und frühere Präsident Vaclav Havel hat Teresa Enke in einem Brief kondoliert. Sie hatte in der Todesanzeige für ihren Mann ein Zitat von Havel verwendet. Der Autor sei "bewegt", dass die 33-Jährige gerade einen Satz von ihm gewählt habe, sagte ein Mitarbeiter des 73-Jährigen. Havel habe Teresa Enke in dem Schreiben auch viel Kraft und Tapferkeit gewünscht. Das frühere Staatsoberhaupt hat seine Frau Olga nach 32 Ehejahren wegen einer Krebserkrankung 1996 verloren. In der Anzeige hatte Teresa Enke das Havel-Zitat "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht" verwendet. Der Satz stammt aus dem 1990 erschienenen Buch "Fernverhör".