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"Collinas Erben" im Interview: Die Zukunft des Videobeweises

Der Videobeweis - seit seiner Einführung zu Beginn der laufenden Bundesliga-Saison gibt es wohl kaum ein Thema, was die Klubs und Fußballfans in ganz Deutschland Woche für Woche mehr beschäftigt. Nachdem die Diskussionen am Wochenende auch rund um unser Spiel gegen Leipzig gefühlt einen weiteren Höhepunkt erreicht haben, haben wir uns einmal mit Alex Feuerherdt, der gemeinsam mit seinem Kollegen Klaas Reese den Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben" ins Leben gerufen hat, über die neue Technologie unterhalten. Im zweiten Teil des Interviews findet Ihr eine Einschätzung zum Vorschlag eines Challenge-Systems sowie zur Situation der Fans im Stadion! Viel Spaß beim Lesen!

Es gab häufiger mal die Anregung, ein Challenge-System – wie beispielsweise beim Tennis – einzuführen. Was hältst Du davon?

Alex:
Ich kenne Schiedsrichter, die Befürworter eines solchen Challenge-Systems wären. Einfach mit der Begründung, dass sie dann nicht mehr die einzigen sind, die darüber entscheiden müssen, wann überhaupt eingegriffen wird. Dann geht die Verantwortung zumindest zum Teil auch auf die Vereine über. Das halte ich für ein durchaus valides und auch nachvollziehbares Argument. Es würde den Sport natürlich schon stark verändern und auch das Regelwerk müsste völlig verändert werden. Allerdings ist der Videobeweis ja ohnehin schon eine gravierende Veränderung – also warum nicht mal das Challenge-System ausprobieren, um zu gucken, ob damit womöglich eine größere Zufriedenheit entstünde? Aber man muss sich auch darüber klar sein, dass man den Fußball damit stark verändern und somit womöglich auch für eine Entfremdung sorgen würde. Aber ich glaube, dass es grundsätzlich keine schlechte Idee wäre, sowas zumindest einmal versuchsweise einzuführen.

Dürfte das Deutschland auch auf eigene Faust umsetzen oder müsste das von "höherer Stelle" genehmigt werden?

Alex:
Das müsste genehmigt werden – und da geht der Weg über das IFAB, das gewissermaßen als Legislative des Weltfußballs agiert. Das sind acht Herren – vier kommen aus den britischen Verbänden und die anderen vier aus der FIFA –, die alleine befugt sind, darüber zu entscheiden, welche Regeländerungen es gibt.

Sie waren auch diejenigen, die überhaupt den Test des Videobeweises freigegeben haben und die jetzt auch genehmigt haben, dass wir das fest als Möglichkeit ins Regelwerk aufnehmen. Der DFB könnte das vorschlagen, die Mitglieder des IFAB würden darüber diskutieren und dann beschließen, ob sie das für einen gangbaren Versuch halten oder nicht.

Und was meinst Du: Wie würde das IFAB auf einen solchen Vorstoß reagieren?

Alex: Mein Tipp wäre, dass sie es nicht beschließen würden. Ich glaube, bei dem Strukturkonservatismus, der beim IFAB vorzufinden ist und bei der Vorsicht, die man generell walten lässt  bei Regeländerungen würden sie eher zu dem Ergebnis kommen: "Challenge, das ist etwas, was wir aus anderen Sportarten wie dem American Football kennen, das ist fußballuntypisch und das wollen wir gar nicht erst versuchen. Die Entscheidungsgewalt liegt bei Jahrzehnten beim Schiedsrichter und der soll auch weiterhin das letzte Wort haben und deswegen soll es da kein Mitspracherecht geben." So begründen sie ja bis jetzt zumindest auch, warum es dieses Challenge-System nicht gibt. Aus ihrer Sicht können das die Schiedsrichter selbst sehen und da braucht es keine Vereine, die da mitsprechen können. Das ist momentan der Stand der Dinge.

Nun noch einmal zu der Situation für die Fans im Stadion: Wie könnten die Besucher dort besser informiert werden?

Alex: Das sind wir eigentlich schon mittendrin in der Problematik und auch mittendrin in der Diskussion. Die DFL argumentiert ja damit, dass die Szenen bis jetzt nicht auf den Videowänden im Stadion gezeigt werden, weil die technischen Voraussetzungen noch nicht ausreichend und nicht überall gleich gut wären. Die Auflösung, die man dafür bräuchte, sei nicht überall gewährleistet und deswegen wollen sie das gar nicht erst einführen, weil es eben zu Situationen käme, in denen das Publikum nichts davon hätte.

Und was ist Deine Meinung dazu?

Alex:
Ich würde dagegen argumentieren und sagen: Dann ist das halt so! Es wäre immer noch besser, als gar keine Bilder zu zeigen. Man hätte es dann zumindest versucht. Und ich glaube, diese technischen Voraussetzungen können geschaffen werden und ich glaube auch, dass die Bundesligisten sich da mit Nachdruck dran setzen sollten. Sonst verlieren sie – zumindest emotional – einen Teil ihres Publikums im Stadion. Wenn das Fernsehpublikum bei der ganzen Geschichte deutlich im Vorteil ist, ist das auch ein Ausdruck davon, dass Fußball immer mehr zum Fernsehsport geworden ist. Und das ist zumindest zum Teil schade, denn die Zuschauer, die regelmäßig ins Stadion gehen, haben auch ein Recht darauf, dieselben Bilder zu sehen wie der Fernsehzuschauer zuhause. Wie das im Einzelnen technisch zu bewerkstelligen wäre, müsste man Experten fragen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das in einer Sportart wie im Fußball nicht möglich sein soll, wenn es beispielsweise im American Football durchaus möglich ist und auch zur Zufriedenheit aller gelöst wird. Da sollte man den Blick für andere Sportarten öffnen und vielleicht auch davon lernen, wie gewisse Dinge besser gemacht werden können.

Abschließende Frage: Würdest Du dafür plädieren, den Videobeweis beizubehalten?

Alex:
Ich bin da sehr gespalten. Je nach Perspektive, die ich gerade einnehme. Wenn ich als Fan ins Stadion gehe ist es mir schon so manches Mal in dieser Saison so ergangen, dass ich dachte: Puh, ich kriege jetzt gar nichts mit. Ich weiß nicht, was da gerade passiert." Dann habe ich vielleicht einen Verdacht – aber trotzdem ist es tatsächlich unbefriedigend. Ich habe ihn da schon so manches Mal verflucht, aber auch so manches Mal begrüßt. Einfach, weil ich gemerkt habe, dass er den Schiedsrichter-Kollegen wirklich massiv hilft. Ich habe ihn schon vor dem Fernseher verflucht, weil ich gejubelt habe und anschließend den Jubel wieder einstellen musste. Ich finde das emotional sehr schwierig. Insofern bin ich da ein bisschen gespalten und finde das nicht immer ganz einfach, glaube aber, dass man sich nichts vormachen darf: Die Technik ist fortgeschritten, der Fußball hat sich sehr stark verändert, es ist sehr viel mehr Geld im Spiel, die Schiedsrichter stehen sehr stark unter Druck, was ihre Entscheidungen betrifft – deswegen glaube ich alles in allem, dass er sich durchsetzen und mehr Akzeptanz bekommen wird. Trotz der ganzen Ungereimtheiten, die es noch gibt. Aber ich glaube, da sind auch ein paar Kinderkrankheiten dabei, die sich noch abstellen lassen werden.

An welche denkst Du da konkret?

Alex:
Die Kinderkrankheiten betreffen natürlich zum Beispiel die fehlen kalibrierten Linien. Bei der WM wird es zusätzliche Abseitskameras geben. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind das mobile Kameras, die sich quasi auf der Höhe des letzten Abwehrspielers befinden und dem Video-Assistenten zusätzliche Bilder liefern, die dann auch eine bessere Entscheidung ermöglichen. Das wäre in Eurem Fall wahrscheinlich auch ganz hilfreich gewesen. Da hat man sich offensichtlich Gedanken gemacht. Ansonsten, glaube ich, dass man zu einer größeren Einheitlichkeit kommen wird, je weiter das ganze fortschreitet. Es läuft ja jetzt schon besser, als es in der Hinrunde der Fall gewesen ist. Das ist einfach eine gravierende Neuerung, die da eingeführt worden ist und auf sowas stellt man sich nicht von heute auf morgen ein, sondern das bedarf einer gewissen Zeit. Das ist in gewisser Weise eine Operation am offenen Herzen und die gelingt schon besser, als es zu Saisonbeginn der Fall gewesen ist.

Herzlichen Dank für das sehr spannende Gespräch!


Über "Collinas Erben":
Unter dem klangvollen Namen "Collinas Erben" starteten Alex Feuerherdt und Klaas Reese im Oktober 2012 einen Podcast, der es sich zum Ziel gesetzt hat, bei Fußballinteressierten die Regelkenntnisse zu stärken. Zunächst ging es nur darum, einzelne Regeln zu erklären, aber dann ist wesentlich mehr daraus geworden: Strittige Schiedsrichtentscheidungen in der Bundesliga, im Europapokal oder auch bei Großturnieren wie der EM oder WM - alles wird erläutert und diskutiert. Heute sind die beiden vor allem auch bei Twitter sehr aktiv, wo sie ihren über 20.000 Followern stets mit Rat und Tat zur Seite stehen. Alex ist Schiedsrichter-Aus- und Fortbilder in Köln und macht auch Schiedsrichterbeobachtung- und coaching bis zur Regionalliga. Selbst hat er bis zur vierten Liga gepfiffen. Klaas - seines Zeichens auch großer 96-Fan - hat im Alter von 16 Jahren mal ein Jahr lang gepfiffen und arbeitet seit einiger Zeit als Moderator und Redakteur beim Deutschlandfunk.