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Der große 96-Jahresrückblick - Teil 1

Kann man so ein gebrauchtes Jahr wie 2019 nicht einfach zurückgeben und es noch einmal neu beginnen? Diese Vorstellung ist vielversprechend, denn das in den letzten Zügen liegende 2019 hat für Hannover 96 nur wenige schöne Momente bereit gehalten. Doch leider klappt das mit der Rückgabe nicht. Also müssen wir zusammen da durch: Unser Jahresrückblick in Bildern – für jeden Monat stellvertretend ein Foto und seine Geschichte. Heute in Teil eins: Januar bis Juni.

Januar: Einen guten Start ins neue Jahr – den hatten sich alle bei und von Hannover 96 gewünscht. Doch der Monat Januar begann mit einem Schock: Im Trainingslager in Marbella gab Stürmer Ihlas Bebou nach langer Pause sein Comeback und humpelte im Testspiel gegen Zulte Waregem nach 20 Minuten mit bandagiertem Oberschenkel vom Platz. Ein unglücklicher Ausfallschritt nach einem Foul – schon war es passiert. Was dort noch keiner ahnen konnte: Bebou fehlte den Roten bis zum vorletzten Spieltag gegen den SC Freiburg. Erst da kam er wieder zum Einsatz, erzielte beim 3:0-Sieg ein Tor und zeigte, was mit ihm vielleicht möglich gewesen wäre. Insgesamt fehlte Bebou in der Saison 2018/19 21 Spiele in Folge.

Februar: Elf Jahre war Thomas Doll kein Bundesliga-Trainer mehr. 2008 hatte ihn Borussia Dortmund entlassen, danach ging es für ihn ins Ausland, zuletzt nach Budapest. Am 1. Februar feierte er bei Hannover 96 sein Comeback als Chefcoach in Deutschland – entsprechend groß war in der HDI Arena das Medieninteresse beim Spiel gegen RB Leipzig. „Es ist nicht selbstverständlich, wieder in die Bundesliga zurückzukehren", sagte Doll, der den lange erfolgreichen André Breitenreiter (Aufstieg und sicherer Mittelfeldplatz in der Saison danach) abgelöst hatte, bei seiner Vorstellung. „Für mich ist das eine großartige Geschichte." Dass es eine Geschichte ohne Happy End werden würde, wusste Doll an jenem Freitagabend gegen Leipzig noch nicht, bekam bei der 0:3-Niederlage aber eine erste Vorahnung davon, wie schwer die Mission Klassenerhalt werden würde.

März: Genki Haraguchi hatte am 10. März bereits den Torwart ausgespielt und den Ball Richtung Mitte des leeren Leverkusener Tores geschossen. Gleich würde die Kugel über die Linie rollen: Das dachte nicht nur der auf dem Rasen knieende 96-Profi, das glaubten am 25. Spieltag auch alle Bayer-Profis und alle 96-Fans im Stadion. Doch 96 gegen Bayer Leverkusen war kein normales Bundesligaspiel, sondern ging als kurioses Schneespiel in die Historie ein. Mit Haraguchi als großen Pechvogel und dieser Szene in der 33. Minute, die symbolisch für vieles von Hannover 96 im Jahr 2019 stand. Erst hast du kein Glück, und dann kommt noch … Genau. Der pappende Schnee wickelte sich um den Ball, je näher er dem Tor kam, wurde langsamer, und als er den Fünfmeterraum fast durchquert hatte und über die Linie zu rollen schien, blieb er einfach liegen. Leverkusens Jonathan Tah, der zuvor schon abgedreht hatte, erfasste die Situation als Erster, nahm den Ball auf und dribbelte davon. Es wäre der Anschlusstreffer zum 1:2 für 96 gewesen in einer Partie, in der am Ende bei einer unglücklichen 2:3-Niederlage genau dieses Nicht-Tor fehlte, um im Abstiegskampf mit einem Remis wieder Flügel zu bekommen.

April: Ein kurzer Dank Richtung Fans, dann verließ auch Horst Heldt niedergeschlagen den Rasen in der Wolfsburger Volkswagen-Arena. Das Spiel am 6. April, das mit 1:3 verloren ging, war der letzte Arbeitstag des Managers, der im März 2017 bei Hannover 96 angefangen hatte. Nach der Niederlage in Wolfsburg hatte 96 sechs Spieltage vor dem Saisonende sieben Punkte Rückstand auf einen Relegationsplatz. „Wir müssen jetzt erst mal selbstkritisch die gesamte Saison analysieren und dann Entscheidungen treffen", kündigte Geschäftsführer Martin Kind nach der Auswärtsniederlage an, drei Tage später wurde Heldt freigestellt.  

Mai: Gewonnen und doch abgestiegen: Irgendwie passte auch der 11. Mai zur 96-Situation in der ersten Hälfte des Jahres 2019. Und deshalb gab es nach dem 3:0-Sieg gegen den SC Freiburg auch nicht Bilder von jubelnden 96-Spielern, sondern Aufnahmen von enttäuschten Profis, die realisierten, dass ihnen nun auch kein Wunder am letzten Spieltag mehr helfen würde. Mit fast vergessener Souveränität hatten die Roten gewonnen, die schmerzlich vermissten Ihlas Bebou, Niclas Füllkrug und Edgar Prib ihr Comeback gefeiert. Doch weil zeitgleich der VfB Stuttgart mit 3:0 gegen den VfL Wolfsburg siegte, war Relegationsrang 16 für 96 nicht mehr zu erreichen. Nach dem Schlusspfiff verabschiedeten die Fans die Mannschaft auf ihrer Runde durchs Stadion mit minutenlangen Standing Ovations und Gesängen - ein bemerkenswert versöhnliches Ende nach einer Saison mit Pleiten, Pech und Pannen.

Juni: Am 17. Juni stand Mirko Slomka wieder auf dem Trainingsplatz von Hannover 96. 80 Minuten dauerte die erste Trainingseinheit in der Vorbereitung auf die Zweitligasaison 2019/20, insgesamt 15 Spieler, darunter mit Torwart Ron-Robert Zieler der erste Neuzugang, konnte Slomka bei strahlendem Sonnenschein begrüßen. Für den neuen, alten Trainer begann an diesem Tag seine zweite Amtszeit bei 96. 2010 hatte Slomka den Klub vor dem Abstieg aus der Bundesliga gerettet und bis zur Trennung 2013 eine erfolgreiche Zeit entscheidend mitgestaltet, in der die Roten zweimal in der Europa League für Furore sorgten. Zurück in die Zukunft – das schien ein schönes Motto für Slomka und 96. Doch leider, leider gibt es im Fußball –anders als in Hollywoodfilmen – manchmal kein Happy End.
hr