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Fürths Kaderplaner Pinto: "Habe für 96 mein letztes Hemd gegeben"

Von 2007 bis 2013 hat Sergio da Silva Pinto im 96-Trikot alles gegeben, heute scoutet er für die SpVgg Greuther Fürth - den kommenden 96-Gegner. Vor dem Duell am Sonntag haben wir uns mit dem 40-Jährigen über Einsätze mit Hexenschuss und Bänderriss, Tadel von Uli Hoeneß und seine heutige Aufgabe bei den Kleeblättern unterhalten.  

Sechs Jahre lang hat Sergio da Silva Pinto das 96-Trikot getragen.

Sergio, in Hannover kennen Dich natürlich alle als beherzten Kämpfer im Mittelfeld. Aber davon bist Du inzwischen ja meilenweit entfernt. Wie sieht 2020 ein Tag im Leben von Sergio da Silva Pinto aktuell aus?

Sergio da Silva Pinto (40):
Das ist ganz bunt gemischt. Am Ende des Tages bin ich ja der Chefscout für die Lizenzmannschaft – oder Kaderplaner, wie auch immer man das nennen möchte. Da stehe ich auch mit in der Verantwortung, dass das läuft. Da muss ich viel telefonieren, aber mir zum Beispiel auch mal die Trainingseinheiten anschauen. Ansonsten gibt es Punkte wie die Datenanalyse, Spielerprofile, die Rachid (Azzouzi, Geschäftsführer Sport, d. Red.) vorgibt. Wir in unserer Abteilung müssen liefern.

Also bist Du richtig angekommen im Sportbusiness.     

da Silva Pinto:
Ja. Mit allem, was dazu gehört. Natürlich fängt man auch schon an, Gespräche zu führen über potenzielle Kandidaten.

Sprechen wir über die Mannschaft, die Du mit zusammengestellt hast. Von vielen Stellen hört man, das Team der SpVgg Greuther Fürth sei dieses Jahr richtig gut, habe sich aber, was die Punkte angeht, bisher unter Wert verkauft. Kannst Du das bestätigen?

da Silva Pinto:
Ja, sicher! Wir hatten bisher in jedem Spiel die Chance, die Partie auf unsere Seite zu ziehen. Wir haben mit Marco Caligiuri und Daniel Keita-Ruel zwei wichtige Spieler verloren, aber trotzdem haben wir den Kader größtenteils halten können. Das war uns sehr wichtig.

Jetzt gab es am vergangenen Wochenende den 3:1-Erfolg bei Holstein Kiel, die auch hochgehandelt werden und aktuell Tabellenzweiter sind. Kann man sagen, dass da möglicherweise der berühmte Knoten geplatzt ist in der Mannschaft?

da Silva Pinto:
Das wäre wünschenswert. Natürlich wissen wir auch: Das am Sonntag gegen Hannover ist ein neues Spiel, das ist eine andere Mannschaft. Aber wir wollen genauso auftreten wie die Spiele davor. Das ist genau die Philosophie, unsere Spielweise.

Nimm' uns mal mit: Was ist die Spielphilosophie? Was macht die Mannschaft aus?

da Silva Pinto:
Es geht darum, attraktiven Offensivfußball zu spielen. Natürlich muss man sich taktisch immer auch auf den Gegner einstellen. Aber auch obwohl wir nach vier Spieltagen nur drei Punkte hatten, sind wir nicht nervös geworden.

Seit Sommer 2018 ist Sergio da Silva Pinto für die SpVgg Greuther Fürth tätig.

Wie ist die Atmosphäre in Fürth? Kannst Du das Innenleben des Vereins beschreiben?

da Silva Pinto:
Es ist sehr familiär. Ich wurde sehr gut aufgenommen und fühlte mich vom ersten Tag an so, als wäre ich hier schon seit Jahren. Der Verein arbeitet sehr professionell, realistisch und zielfokussiert. Und das ist immer: Schritt für Schritt weiterkommen.

Das klingt gut. Wenn Du heute die Ergebnisse der 2. Liga im Überblick siehst, schaust Du dann schon noch mit einem Auge mehr auf einen Ex-Klub wie Hannover 96?

da Silva Pinto:
Ja, das verfolge ich schon stärker. Bei 96 hatte ich die beste Zeit meiner Profikarriere, das muss ich ehrlich sagen. Das ist natürlich auch eine Herzensangelegenheit gewesen. Es waren sechs Jahre, meine Kinder sind dort geboren. Es war schon eine sehr intensive Zeit. Da schaut man schon mit anderen Augen drauf.

Hast Du noch Kontakt nach Hannover oder zu jemandem aus der Zeit von damals?

da Silva Pinto:
Ja, klar. Mit Stevie (Steven Cherundolo, d. Red.) spreche ich des Öfteren, mit Christian Schulz, mit Altin Lala, mit Mario Eggimann durch seine neue Aufgabe (Eggimann ist inzwischen Spielerberater, d. Red.), mit Karim Haggui auch mal. Auch sonst habe ich gelegentlich noch mit sehr vielen Kontakt. Ich habe letztens zum Beispiel sehr lange mit Kocka Rausch telefoniert. Mit Moa Abdellaoue hatte ich auch zwischendurch Kontakt und mit Didi Ya Konan.

Die Truppe also, die damals Europa unsicher gemacht hat…

da Silva Pinto:
Ja, das war sicherlich eine besondere Mannschaft. Wir sind zusammengewachsen, das war ein Prozess.

Wenn Du diese Zeit im Rückspiegel betrachtest: Hast Du aus der Zeit Schlüsse gezogen, die Du in Deiner jetzigen Aufgabe sinnvoll einbringen kannst?

da Silva Pinto:
Ja, sicherlich: Demut ist ganz wichtig – aber auch Kontinuität. Und: Ohne Fleiß kein Preis. Wir hatten im Kader sicherlich nicht die besten Einzelspieler, zumindest gehörten wir in der Hinsicht nicht in die Top-4 der Bundesliga, vielleicht eher in die zweite Hälfte oder ins untere Drittel. Aber trotzdem haben wir Erfolg gehabt, weil wir als Mannschaft aufgetreten sind - egal wo, egal wann. Wir konnten auch mit Nackenschlägen umgehen, und trotzdem haben wir performt. Man wusste ja ganz genau: Wenn wir alle auf dem Platz zusammen agieren und Gas geben, sind wir unangenehm.

Letztens hat jemand bei Facebook einen zehn Jahre alten Artikel gepostet: "Sergio da Silva Pinto spielt sieben Tage nach einem Bänderriss im Fuß". Da wurdest Du als "Deutschlands härtester Profi" bezeichnet. Hast Du Dich damals eigentlich selber so wahrgenommen?

da Silva Pinto:
Ich habe für 96, glaube ich, wirklich mein letztes Hemd gegeben. Ich habe teilweise mit Verletzungen und Blessuren gespielt, von denen gar keiner wusste. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich einmal drei Tage nach einem Hexenschuss in Nürnberg aufgelaufen bin. Da hat der Trainer mir gesagt: "Ich brauche Dich unbedingt. Auch wenn Du nicht rund laufen kannst: Deine Präsenz reicht mir." Oder im Abstiegskampf, als ich mit meinem Bänderriss im Knie gespielt habe. Was auch keiner wusste - von mir aus hätte ich das auch nie rausgegeben, aber der Trainer hat das erwähnt.

Wie sehr ärgert es Dich heute noch, dass Deine Zeit in Hannover im Sommer 2013 nicht wirklich glücklich zu Ende gegangen ist?

da Silva Pinto:
Ich war enttäuscht, hatte das Gefühl, mehr Wertschätzung zu verdienen. Aber ich habe das schon oft gesagt: Ich bin niemandem böse. Man muss Entscheidungen treffen, manche sind hart, und vielleicht am Anfang nicht verständlich, aber nichtsdestotrotz hat es mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin, auch in meiner Persönlichkeit. Ich bin für jede Erfahrung, die ich gesammelt habe, sehr dankbar. Auch wenn sie nicht alle nur positiv waren.

An Dich erinnern sich die Fans in Hannover heute noch, weil Du ein spezieller Spielertyp warst. Gibt es den Spielertyp "da Silva Pinto" in der heutigen Generation noch?

da Silva Pinto:
Den Typus mit allem, was dazugehört, gibt es, glaube ich, nicht mehr. Damals bin ich ja auch gerne mal rausgegangen, um ein Bier zu trinken. Heutzutage ist das ja kaum noch möglich - früher war ja diese Social-Media-Geschichte noch ganz klein. Die Medienlandschaft hat sich komplett verändert. Und auf dem Platz - gibt es den Spielertypen noch?! Vielleicht wäre der auch von der Gesellschaft gar nicht mehr so akzeptiert.

Aber ist das nicht schade? Dass es immer weniger von diesen Typen gibt, die eine starke Persönlichkeit haben, die sich auch auf dem Platz widerspiegelt?

da Silva Pinto:
Ja, sicherlich ist das schade. Ich habe mich nie irgendwo rausgezogen, habe auch mal Tacheles geredet. Und man hat dann auch mal eine Breitseite bekommen – Uli Hoeneß hat mal gesagt, dass ich einen Oscar verdient hätte. Wenn ich ihm nach dem Spiel meinen Fuß gezeigt hätte, hätte er das wahrscheinlich nicht gesagt…

Abschließend: Wirst Du am Sonntag im Stadion sein?

da Silva Pinto:
Eigentlich gehört es nicht zu meinen Kernaufgaben, die Spiele der Profis zu schauen. Ich bin am Wochenende zum Scouten auf anderen Plätzen unterwegs, schaue viel dritte Liga, Regionalliga und auch U19-Bundesliga. Aktuell sieht es aber so aus, dass das aufgrund der momentanen Lage nicht möglich sein wird, weil dort keine "externen" Zuschauer zugelassen sind. Dann würde ich mir das Spiel natürlich sehr gern live anschauen.

Wir danken Dir für dieses sehr interessante Gespräch, lieber Sergio. Alles Gute!