Nachwuchs, eSports

Vom Fast-Fußballprofi zum eSportler: Can Tuna über Träume, einen Plan B und Salif Sané

Can Tuna denkt positiv an seine Zeit bei Hannover 96, obwohl der Traum, Profifußballer zu werden, kurz vorm Ziel geplatzt ist. Der heute 24-Jährige hat bei den Roten sämtliche Jugendteams durchlaufen und 2016 unter dem damaligen Proficoach Daniel Stendel seine ersten Trainingseinheiten bei der Lizenzspielermannschaft absolviert, schaffte den Sprung – auch bedingt durch Verletzungen – am Ende nicht.

Sieg beim eSports-Turnier für den guten Zweck
Am vergangenen Freitag war Tuna plötzlich wieder präsent bei Hannover 96. Er gewann den #StayAtHomeCup, unser FIFA-Online-Turnier für die Wohnungslosenhilfe. Im sehr offenen und persönlichen Interview mit hannover96.de erzählt uns der junge Mann von seinem Werdegang, dem Moment, in dem er realisierte, dass es mit der Bundesliga leider nicht klappen würde, und einer möglichen Zukunft als Profi-eSportler.

Can, fangen wir mit dem aktuellsten Ereignis an: Du hast am Freitagabend den #StayAtHomeCup gewonnen und uns mit dem Sieg alle etwas positiv überrascht. Das sah schon sehr professionell aus…

Can Tuna (24):
Profi bin ich nicht (lacht). Aber ich gebe mein Bestes und spiele mittlerweile schon seit über zehn Jahren leidenschaftlich FIFA. Ich bin froh darüber, dass ich meine Leistung am Freitag abrufen konnte und eine gute Figur abgegeben habe.

Am Freitagabend siegte Can Tuna im #StayAtHomeCup-Finale mit 1:0 und sicherte sich damit den Turniersieg.

Du hast bei dem Cup mit Hannover 96 gespielt und selber Deine ganze Jugend im Trikot der Roten verbracht. Wie verbunden bist Du nach wie vor mit dem Verein?

Tuna:
Ich habe von 2003 bis 2017, also über 14 Jahre für Hannover 96 gespielt. Hannover ist außerdem auch meine Heimatstadt, ich wohne 20 Minuten vom Zentrum entfernt. Ich habe in meiner Zeit bei den Roten echt eine Menge erlebt, bin 2014 mit der U19 Deutscher-Vizemeister geworden und habe auch das eine oder andere Mal bei den Profis mittrainieren dürfen. Die Verbundenheit ist dementsprechend nach wie vor noch sehr groß. Da es bei dem Turnier um Hannover 96 und einen guten Zweck ging, dachte ich mir: Auch wenn andere Teams vielleicht die besseren Voraussetzungen haben, spiele ich das ganze Turnier mit 96.

Was war während Deiner langen Zeit hier bei 96 Deine einprägsamste Erinnerung?

Tuna:
Wie ich bereits angedeutet habe sind wir 2014 A-Jugend-Vizemeister geworden. Das war definitiv mein Highlight. Es war sehr überraschend, dass wir bis ins Finale gekommen sind. Dort haben wir dann leider mit 0:5 gegen Hoffenheim verloren. Nichtsdestotrotz war es ein Erlebnis: Wir durften vor 14.000 Zuschauern in der HDI Arena spielen – das war mein größtes Highlight. Als ich dann in meinem ersten Herrenjahr in der U23 gespielt habe, durfte ich ein halbes Jahr mit Salif Sane kicken, der damals vorübergehend von den Profis runtergeschickt worden war. Das war auch ziemlich cool.

14 Jahre lang lief Can Tuna im Trikot unserer Roten auf.

In der U19 warst Du damals Leistungsträger – auf der Doppel-Sechs mit einem gewissen Waldemar Anton. Hast Du zu "Waldi" oder einem anderen Spieler von damals auch heute noch Kontakt?

Tuna:
Ganz lockeren Kontakt mit "Waldi" habe ich noch. Wir schreiben ab und zu über Social Media. Wenn wir uns über den Weg laufen, würden wir uns natürlich unterhalten. Wir sind damals häufig zusammen zum Training gefahren. Mein bester Freund ist – auch heute noch – Mike Steven Bähre, ebenfalls ein ehemaliger 96-Spieler. Mit ihm habe ich sehr intensiven und regelmäßigen Kontakt.

Mike spielt aktuell in der zweiten englischen Liga. Was erzählt Dir Mike aus Barnsley? Geht es ihm gut?

Tuna:
Ja, ihm geht's gut. Die Liga dort pausiert im Moment natürlich auch. Mike steckt mitten im Abstiegskampf mit Barnsley – die Situation ist nicht ganz einfach. Aber sonst geht es ihm wirklich gut. Er ist zurzeit bei seinen Eltern hier in Hannover.

Zurück zu Dir: Wer war in der Zeit bei Hannover 96 Dein wichtigster Förderer oder Ansprechpartner?

Tuna:
Mein größter und wichtigster Förderer war Daniel Stendel. Ich denke, er war derjenige, der mir am meisten beigebracht hat. Er war in der U17 und U19 fast vier Jahre lang mein Trainer, unter ihm habe ich auch bei den Profis mittrainiert. Ich denke, dass ich von ihm am meisten mitgenommen habe.

Was zum Beispiel??

Tuna:
Kampf, Leidenschaft und Zusammenhalt. Das hat uns als Team ausgemacht und war sicherlich auch der entscheidende Punkt für unseren Erfolg. Es war alles andere als ein einfacher Weg bis zur deutschen Vizemeisterschaft in der U19 – Stendel hat uns den nötigen Zusammenhalt eingeimpft, den wir gebraucht haben.

2017 bist Du dann zum TSV Havelse gewechselt. Erklär uns, wie es dazu kam.

Tuna:
Meine Zeit bei den Amateuren der U23 von Hannover ist zum Schluss sehr unglücklich für mich verlaufen. Ich hatte zwei Operationen an der Hüfte und war lange verletzt. Ich habe dann eingesehen, dass ich meinen Traum, zu den Profis bei Hannover aufzusteigen, nicht erzwingen kann. Damals habe ich mich dazu entschieden, ein Studium zu beginnen. Ich studiere Informatik. Natürlich weiß man nicht genau, wie jetzt in der Coronakrise alles weitergeht, aber ich bin zuversichtlich, dass ich in anderthalb Jahren fertig bin. Dann habe ich meinen Bachelor.

Bei Havelse hast Du zwei Jahre bis zum vergangenen Sommer gespielt. Was war das für eine Zeit?

Tuna:
Es war definitiv eine gute Zeit, an die ich mich allerdings erst einmal gewöhnen musste. Ich hatte bis dato nur den Fußball, habe drei Jahre für die U23 bei Hannover gespielt. Die Umstellung, auf einmal zu studieren und trotzdem nebenbei auf hohem Niveau Fußball zu spielen, war groß. Insgesamt habe ich das aber sehr gut hinbekommen. Die Mannschaft war super. Einige von den Jungs kannte ich bereits – es war eine relativ kurze, aber coole Zeit bei Havelse.

War es damals schwer, mit dem Studium zu beginnen und damit zeitgleich den Traum als Profifußballer ein Stück weit aufzugeben?

Tuna:
Ja, das fiel mir sehr schwer. Ich war hier bei meiner Familie und meinen Freunden immer als "Can, der Fußballer" bekannt. Alle, inklusive mir, hatten die Hoffnung, dass ich den Sprung schaffe. Natürlich ist es schwierig, diesen Traum aufzugeben. Ich wusste bei Beginn meines Studiums, dass damit die Profikarriere in weite Ferne rückt. Allerdings hat es nicht lange gedauert, bis ich mich mit den Umständen abgefunden hatte. Das Leben musste ja weitergehen – Fußball ist längst nicht alles. Klar, ich liebe Fußball und spiele noch immer leidenschaftlich gern – aber es ist nicht alles. Ich habe mich schnell mit der neuen Situation angefreundet.

Unsere 96-Akademie steht und stand immer dafür, neben dem Fußball auch auf Bildung zu setzen, sodass die Nachwuchsspieler einen Plan B haben. Bist Du froh, dass Du Dich damals um einen vernünftigen Schulabschluss gekümmert hast, der Dir jetzt die Möglichkeit eines Studiums geboten hat?

Tuna:
Ja, auf jeden Fall! Der Meinung war ich schon immer, bis auf eine kleine Ausnahme, als ich gedacht habe, ich muss alles auf eine Karte setzen und die Schule sein lassen. Meine Eltern haben mir damals auch sofort zugesprochen, dass ich einen Plan B brauche. Sie haben mich überzeugt, das war aber auch nicht schwer. Im Fußball kann so viel passieren. Man verletzt sich und kann nie wieder spielen - und dann? Es ist so wichtig, einen Plan B zu verfolgen. Dementsprechend bin ich sehr froh, dass ich mein Abi abgeschlossen habe und in Ruhe studieren kann. Ich kann es jedem jungen Spieler wirklich ausdrücklich empfehlen, einen Plan B zu haben und einen vernünftigen Schulabschluss anzustreben.

Inzwischen auf Hobbyebene bist Du dem Fußball treu geblieben.

Tuna:
Ja, aktuell spiele ich, soweit es meine Verletzungen zulassen, beim SC Hemmingen-Westerfeld in der Landesliga und konzentriere mich vermehrt auf mein Studium. Und auch auf eSports (lacht).

Die Karriere als Fußballprofi hast Du beiseitegeschoben – wie wäre es mit einer Karriere als eSports-Profi? Auch als eSportler kann man durchaus sein Geld verdienen. Wäre das ein Weg, der für Dich infrage käme?

Tuna:
Definitiv. Ich liebe es, FIFA zu spielen. Ich setze mich nun seit zwei Jahren intensiv damit auseinander und habe bereits im vergangenen Jahr meine ersten Erfolge verzeichnen können. Ich habe in einem ESL-Europe-Cup den vierten Platz belegt und 400 Euro Preisgeld entgegennehmen dürfen. In Wolfsburg habe ich mit einem Kumpel zusammen einen "2-gegen-2-Cup" gewonnen. Nun den #StayAtHomeCup am vergangenen Freitag hier bei 96 mit über 500 Teilnehmern. Ich bin gespannt, wohin mein Weg in der eSports-Welt noch geht und an welchen Turnieren ich in Zukunft teilnehmen darf.
hec/ts